Seelische Untiefen (To be Insider in 3 Minute n)

Antal Szerb »Reise im Mondlicht«, übersetzt von Christina Viragh, 14 €, broschiert, 258 Seiten, dtv, Dezember 2003, ISBN 3423243708. Zu beziehen über den Buchvertrieb des Median-Verlages.

Kleine Kostbarkeiten kommen manchmal etwas verspätet ans Licht. So ist es auch mit diesem zum ersten Mal 1937 in Ungarn erschienenen Roman »Reise im Mondlicht« von Antal Szerb. Jetzt endlich liegt eine deutsche Übersetzung vor und damit gibt es ein literarisches Kleinod voller Tiefgang und Poesie mehr auf dem deutschen Büchermarkt.
Szerb studierte Hungarologie, Germanistik und Anglistik und war Literaturprofessor an der Universität von Szeged. In Ungarn gilt er als einer der meist gelesenen Autoren. Nicht nur durch seine poetische Literatur hat er sich seinen Ruf erworben, er schrieb außerdem eine »Ungarische Literaturgeschichte« und die »Geschichte der Literatur der Welt« – in Ungarn noch heute Standardwerke nicht nur für Literaturstudenten. Antal Szerb starb 1945 im Konzentrationslager Balf in West-Ungarn.

Held des hier vorliegenden Buches ist der 36-jährige Mihály, der mit seiner frisch Angetrauten auf Hochzeitsreise in Italien weilt. Doch schnell wird deutlich, dass sein ängstliches und verträumtes Wesen Züge trägt, die von seiner Frau nicht geteilt werden. Um Mihály auf dem Weg in seine seelischen Untiefen folgen zu können, fehlt es der jungen Dame nicht nur an Sinn, sondern auch an der dafür notwendigen inneren Erlebniswelt.
Diese Ausgangssituation könnte eine klassische Vorlage für ein eheliches Drama liefern, doch die Verbindung der beiden Eheleute löst sich eher beiläufig auf: Er »verliert« seine Frau auf einem Bahnhof. Für den Helden ist es verschmerzbar und ein Zeichen, dass für ihn nun eine ganz andere Reise beginnt.
Sie führt ihn von Venedig über Perugia in ein umbrisches Kloster und endet schließlich in Rom. Die äußere Umgebung dient in erster Linie entweder als Katalysator seiner inneren Befindlichkeiten oder als Kulisse, vor der er sich an seine Jugend zurückerinnert. Es ist eine Suche nach sich selbst und seiner Jugendliebe Eva. Bevor der Protagonist nach vorne sehen kann, muss er einen langen Blick in den Rückspiegel vergangener Zeiten werfen. Es ist ein geglückter Roman über das Erwachsenwerden.
Und dennoch ist es keine behäbige schwere Kost, denn der Held verfügt über alle Gaben, um das Leserherz zu erreichen. Er ist intelligent, komisch und einfach liebenswert schrullig. Und seine Retrospektiven vollziehen sich in sprachlich wohlgefälligem Raum, dem es auch nicht an Dynamik fehlt. So folgt man Mihály‘s Spuren in die Vergangenheit mit Vergnügen.
Noch etwas macht dieses Buch zu etwas Besonderem – es erlaubt verschiedene Lesarten. Welche auch immer man für sich findet, man schließt sich gerne dem Schlusssatz des Romanhelden an: »Und solange man lebt, weiß man nicht, was noch geschehen kann.«

Quelle: Claudia Pukat

 

 

Autor: Thomas Keck

Thomas Keck ist durch seinen Beruf als Hörsystemakustiker bestens mit der Präzision und Sorgfalt vertraut, die sowohl für die technische Arbeit als auch für den direkten Kundenkontakt erforderlich sind. Sein Werdegang zeugt von einer kontinuierlichen Entwicklung und einem hohen Maß an Fachwissen, unterstrichen durch den Meisterbrief und die Selbstständigkeit. Er verfolgt seine Interessen mit Leidenschaft und widmet sich einer Vielzahl von Aktivitäten, von Musik über die Beschäftigung mit Oldtimern bis hin zur Werteschätzung der Bibel. Thomas bewundert Menschen, die in ihrem Feld Spitzenleistungen erbringen, wie diverse Musiker und Schauspieler. Dies deutet auf eine hohe Wertschätzung für Expertise und handwerkliches Können hin.

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