Regelmäßig versorgen uns die Akademie für Hörakustik (afh) und die Bundesoffene Landesberufsschule für HörakustikerInnen (LBS Hörakustik) mit Informationen über das aktuelle Geschehen vor Ort. Nach zwei Jahren Redaktionszugehörigkeit wurde es für die Chronistin höchste Zeit, die Bildungseinrichtung der Akustiker in Lübeck einmal persönlich in Augenschein zu nehmen. Nur zu gerne folgte sie der Einladung von Eckhard Schroeder und machte sich auf den Weg in den hohen Norden.
Den Charme Lübecks zu beschreiben, hieße, gerade in unserer Branche, Eulen nach Athen zu tragen. Schließlich brachte die Hansestadt bereits eine Vielzahl von Gesellen und Meistern ihres Fachs hervor, die deren Vorzüge während ihrer Ausbildung kennen und schätzen gelernt haben dürften.
Für alle Anderen aber kann guten Gewissens die Empfehlung ausgesprochen werden: Hinfahren und erleben! Lübeck ist Weltkulturerbe und bietet mit seiner historischen Altstadt und einer Vielzahl an Freizeit- und Kultur-Einrichtungen für jeden Besucher das Passende.
So gesehen zeigten die Gründer von Akademie und Berufsschule, vor allem Dr. phil. nat. Werner Pistor – von politischem Geschick einmal ganz abgesehen – Stil und Geschmack in der Standortfrage. 1968 entschied die Delegiertenversammlung der Bundesinnung der Hörakustiker KdöR (biha), in Lübeck ein Ausbildungszentrum zu bauen. Bis heute hat sich eine Menge getan. Wenn auch das Ziel das gleiche geblieben ist – dem Berufsstand die bestmögliche Ausbildung zu verschaffen.
Hintergründiges
Von Eckhard Schroeder herzlich empfangen, schlug die Stunde der Theorie, der Zahlen und Fakten. Diese nüchternen Daten sollten nicht für sich stehen, sondern später im Rahmen eines Rundgangs praktisch unterfüttert werden.
Anhand einer Präsentation verdeutlichten sich die Zusammenhänge zwischen Bundesinnung, der Akademie und der Landesberufsschule.
Rund 9´000 Gesellen und 1´600 Meister wurden seit der Gründung des Hauses im Jahr 1972 verzeichnet. Ebenfalls bemerkenswert ist die Ausbildungsquote der Branche: Sie ist mit über 18 % überdurchschnittlich hoch im Vergleich zu anderen Handwerksberufen.
Zuweilen betrüblich hingegen gestalten sich die Aussichten für den Arbeitgeber, sprich Ausbilder im Hinblick darauf, geeignete Auszubildende zu finden. Denn nicht jeder, der sich berufen fühlt, ist auch auserwählt. Oft fehlt es den jungen Bewerbern an der notwendigen Qualifikation. Denn ein gewisses technisches Verständnis sollte neben sozialen Kompetenzen schon vorhanden sein. Heute verfügen, im Gegensatz zu früher, rund 60 % der Bewerber über die Mittlere Reife; rund 40 % sind AbiturientInnen. Der Anteil Letzterer ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen.
Wer den Beruf des Hörakustikers erlernt, braucht sich in der Regel keine Sorgen zu machen, wie es nach Abschluss der Ausbildung mit einem Arbeitsplatz aussieht: Im letzten Jahr wussten ausnahmslos alle SchülerInnen noch vor Abschluss der Ausbildung, dass sie auch danach eine Anstellung haben werden. Eine außerordentliche Bilanz in heutigen Zeiten.
Immer wieder einmal (bevorzugt bei Neubesetzung des zuständigen Postens im Kultusministerium) wird die Landesberufsschule von der Politik mit der Frage konfrontiert, wieso denn das Land Schleswig-Holstein für die Kosten der Landesberufsschule aufkommen solle, deren Schülerschaft sich doch bundesweit rekrutiere.
Nun ist man in Lübeck nicht auf den Kopf gefallen und weiß sich zu behaupten. Man lädt die relevanten Entscheider aus der Politik regelmäßig in die Schule ein, überzeugt durch die Qualität der Ausbildung und führt ein schlagendes Argument ins Feld: Ein Schüler gibt während seines vierwöchigen Aufenthaltes in Lübeck im Durchschnitt rund 236 € an Taschengeld aus. Das macht bei einer Schülerzahl von 1´600 summa summarum 1´000´000 € im Jahr – Umweg-Rentabilität nennt das der Wirtschaftsexperte. Diese Summe wurde durch Umfragen ermittelt und ist neben weiteren Punkten ein wesentlicher Faktor für die regionale Wirtschaft. Das Argument Wirtschaftsförderung erwies sich dann auch stets als stichhaltig und hat schon manche zarte Rotstiftambition im Keim erstickt.
Demnächst steht jedoch ein anderer Punkt auf der Liste der zu lösenden Aufgaben – das Thema Rauchen. Obwohl die SchülerInnen diesem Laster ohnehin schon in einer nur kleinen Ecke auf dem Schulgelände frönen, wird auch das ab August nicht mehr erlaubt sein. So will es das Land Schleswig-Holstein.
Da nicht davon auszugehen ist, dass sich die Schülerschaft kollektiv bis zum 1. August das Rauchen abgewöhnt, wird hier noch eine Lösung gefunden den werden müssen. Die besondere Schwierigkeit in Lübeck liegt in der Trennung zwischen Schul- und Privat-Bereich. Schlicht ein Verbot auszusprechen, ohne Alternativen zu bieten, führe letztlich nur dazu, dass heimlich geraucht werde. Das wiederum ist aber nicht im Sinne der Schule. Eckhard Schroeder ist jedoch zuversichtlich: »Wir werden das auch noch gelöst bekommen.«
Mit Herz und Verstand
Will man die Besonderheit der Ausbildung in Lübeck auf den Punkt bringen, so liegt der in der Verbindung von Technik und – salopp gesagt – der menschlichen Seite. In den Lehrplänen vorgegeben sind daher auch die Fächer Psychologie bzw. Kommunikation.
Im Hinblick auf das Thema Marketing sollen die Lerninhalte künftig eine Erweiterung erfahren. Noch immer laufe man Gefahr, dass sich der Akustiker mehr als Handwerker denn als Berater und Verkäufer sehe. Kunden aber wollen beraten, umworben, gewonnen und gehalten werden. So stand der Redaktionsbesuch auch im Zusammenhang mit dem Thema Kundenbindung, da der Median-Verlag seit fast 40 Jahren zwei Kundenzeitschriften herausgibt und darüber hinaus ein breites Sortiment an Glückwunschkarten bereithält (um den Kontakt anlässlich Geburts- und Ehrentagen kontinuierlich zu pflegen). So hatte die Chronistin im Rahmen ihres Besuches auch Gelegenheit, einer interessierten Lehrerschaft das Thema Kundenbindung anhand einer Kundenzeitschrift näher zu bringen.
Vordergründiges
Technisch bestens ausgerüstet, gepflegt und ordentlich präsentiert sich das gesamte Schulgelände beim Rundgang. Auf manchen Fluren herrschte ein reges Gewusel. Was zunächst unübersichtlich chaotisch wirkt, zeigt sich bei genauerem Hinsehen als wohlgeordnet und gut organisiert: SchülerInnen auf dem Weg von einem Unterrichtsraum zum anderen. Dazwischen Gesprächsfetzen, Gelächter, die Atmosphäre ist sympathisch und familiär. Wer im Gegensatz dazu jemals den oft anonymen Betrieb an einer Universität erlebt hat, dem mag hier richtig warm ums Herz werden. Es ist kein Wunder, dass mancher Akustiker mit Wehmut an seine Lübecker Zeit zurückdenkt.
Doch zurück zu jenen, die noch mitten drin sind, statt nur »dabei«. Eckhard Schroeder öffnete zahlreiche Türen, hinter denen sich emsige SchülerInnen und engagierte LehrerInnen verbargen. Um einen optimalen Lernerfolg zu erzielen, werden die meist 30 SchülerInnen umfassenden Klassen für manche Fächer in 2 Gruppen geteilt; oder sie werden gleich von zwei Lehrkräften betreut, wie an der ersten besuchten Station, in der verschiedene Hörgeräte-Typen durchgemessen wurden.
»Wer schreibt, bleibt«, könnte das Motto gewesen sein, das sich hinter der nächsten Tür verbarg: Unter der Leitung von Willi Augustin-Jacobsen feilte man emsig am Thema Geschäftskorrespondenz. Wie zu erfahren war, schrieb man soeben einem Lieferanten, der seinen Liefertermin nicht halten kann.
Um die Anpasskabinen für die Hörgerätemessung zu sehen und dem Leiter für das Lehrgangswesen der Akademie, Volker Burmeister, einen Besuch abzustatten, war ein kleiner Standortwechsel in ein anderes Gebäude vonnöten. Hier gab es eine Vielzahl kleiner Kabinen zu sehen und eine entweder konzentriert lauschende oder aber angeregt diskutierende Schülerschaft zu erleben.
Selbstverständlich wurde auch der geblockten Überbetrieblichen Ausbildung unsere Aufwartung gemacht. Unter der Leitung von Hörgeräte-Akustiker – Meisterin Nadine Hunick von der Firma Pavel Hörgeräte lernen die Schüler hier derzeit mit »Berufsschwerhörigen« lebensnah die Anpassung eines Hörgerätes.
Wie sich das Vorhandensein einer Induktions-Anlage für einen Hörgeräteträger auswirkt, erfuhren die Schüler bei Thomas Günther. Beindruckend auch der Besuch des Raumakustik-Spezialmessraumes, der die unterschiedlichsten akustischen Bedingungen zu simulieren erlaubt.
Solchermaßen um neue Eindrücke bereichert, ging es zur Schulkantine. Schließlich will so ein Tag auch so realitätsnah wie möglich erlebt werden. Auf dem Weg dorthin fiel ein von den SchülerInnen gebauter Schneemann ins Auge. Bei genauerem Hinsehen erweist sich derselbe als recht unorthodox: Er ist offenbar schwerhörig, denn er trägt ein Hörgerät. Schön zu sehen, dass man als angehender Hörakustiker anscheinend immer im Dienst ist.
»Es ist angerichtet«
Doch zurück zu einem der elementarsten Bedürfnissen des Menschen: der Nahrungsaufnahme. Inzwischen handhabt man die Mittagszeit, aus Platzgründen und um einem allzu großen Andrang entgegenzuwirken, etwas flexibler als zu früheren Zeiten. So wird man der Schar hungriger SchülerInnen besser Herr.
Doch bald schon wird sich die Situation entspannen. Denn diesen Sommer soll mit einem Anbau der Kantine begonnen werden. Auch wird sich dieses Jahr noch ein lange gehegter Wunsch mit der Unterstützung des ehemaligen Akademierates Karl Müller erfüllen: ein überdachter Grillplatz. Damit steht einem geselligen Würstchengrillen auch bei Regen künftig nichts mehr im Wege.
Würstchen gab es in der Kantine übrigens nicht. Vielmehr standen Leberkäse mit Kartoffeln, ein Schaschliktopf sowie ein vegetarisches Nudelgericht zur Auswahl. Überreicht bekam man das Gewünschte von den vier entzückenden Damen von der Essensausgabe. Bestens bewirtet komplettierten wit unser Menü durch einen Besuch der appetitanregend angerichteten Salatbar. Obwohl sich inzwischen zahlreiche SchülerInnen zum Essen eingefunden haben, bleibt der Geräuschpegel bis auf das muntere Geklapper aus der Küche dezent. Kein Wunder: Das Durchschnittsalter der SchülerInnen liegt bei 19 – 21 Jahren – da ist man aus dem Flegelalter raus und weiß sich zu benehmen.
Wer jemals außerhalb der Schule bei irgendwelchen Veranstaltungen auf Hörgeräte-Akustiker getroffen ist, dem mag aufgefallen sein, dass sich viele zu kennen scheinen. Das Wiedersehen wird nicht selten mit großem Hallo eröffnet, auch ist der Anblick sich in den Armen liegender Akustiker nicht unbedingt eine Seltenheit.
Die Wurzeln hierfür dürften in Lübeck liegen und vielleicht auch ein bisschen an der Philosophie, die man hier pflegt:
Das Ohr ist der Weg zum Herzen des Menschen
Voltaire
So möchte es die Chronistin auch nicht versäumen, sich für die Gastfreundschaft in diesem Hause zu bedanken und für das Interesse des Kollegiums. Man muss nicht unbedingt Hörakustiker sein, um sagen zu können: Ich komme gerne wieder.
Autorin: Claudia Pukat