Vom »Haus des Hörens« (To be Insider in 12 Minute n)

Die Oldenburger »Elch-Tester«

Eine Evaluation im Hörzentrum Oldenburg gGmbH gilt bei Herstellern als der Elch-Test für neueste Hörgeräte. Ob Siemens, Phonak oder GN ReSound, ob Interton oder Sennheiser – sie alle nutzen das im Oldenburger Haus des Hörens konzentrierte Know-How, um ihre audiologischen Produkte testen und optimieren zu lassen.
Längst hat sich das Hörzentrum Oldenburg, das sein zehnjähriges Bestehen feierte, als führender HighTech-Dienstleister etabliert, der neueste audiologische Kenntnisse mit großem Erfolg in die Praxis transferiert. Mit den »Oldenburger Elch-Testern«, mit Dr. Birgitta Gabriel, der Leiterin des Bereichs Audiologie und Projekte, sowie mit Mitarbeiter Dr. Michael Schulte unterhielt sich unser Autor Martin Schaarschmidt.

Hörakustik: Frau Dr. Gabriel, Herr Dr. Schulte, die Tests audiologischer Produkte, die im Bereich Audiologie und Projekte des Hörzentrums durchgeführt werden, genießen in unserer Branche hohes Ansehen. Was genau bieten Sie Ihren Kunden aus der Industrie?

Dr. Gabriel: Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt auf der Evaluation von Hörgeräten, und zwar vor, während und nach deren Markteinführung. Zum einen testen wir die akustischen Eigenschaften dieser Geräte, zum anderen befragen wir schwerhörige Probanden nach deren Eindrücken vom jeweiligen Produkt. Die Leistungsparameter eines Gerätes, sein Klang, die Lautstärke und die Sprachverständlichkeit werden ebenso analysiert wie Bedienbarkeit und Tragekomfort, Spontanakzeptanz und Design.

Dr. Schulte: Außer Hörgeräten testen wir aber auch technische Hörhilfen. So zählen beispielsweise die Firma Sennheiser sowie Telekommunikations– und Automobil-Hersteller ebenfalls zu unseren Kunden.

Hörakustik: Und wie sieht so eine Zusammenarbeit konkret aus?

Dr. Schulte: Der Ausgangspunkt für ein Evaluationsprojekt kann sehr unterschiedlich liegen. Ein Teil unserer Kunden kommt mit konkreten Fragen zu einem Produkt, bringt bereits ganz bestimmte Vorstellungen bzw. einen fertigen Versuchsplan mit. Mit anderen Herstellern entwickeln wir diesen Projektplan erst gemeinsam, ehe wir ein Angebot unterbreiten und nach Auftragserteilung mit dem Testen beginnen. Während der Versuch läuft, kann sich der Auftraggeber jederzeit über Zwischenergebnisse informieren. Diese Transparenz ist sehr wichtig: Schon vor Beendigung des Projektes kann das Produkt weiterentwickelt und abermals getestet werden. Ist alles abgeschlossen, erhält der Kunde einen Test-Bericht; nach Wunsch präsentieren wir die Ergebnisse beim Hersteller oder auch auf Tagungen und in der Fachpresse.

Hörakustik: Sicherlich werden Hersteller ihre Produkte nicht entwickeln, ohne sie im eigenen Haus zu testen – welchen zusätzlichen Nutzen haben die Hörgeräte-Entwickler dann von der Zusammenarbeit mit dem Hörzentrum Oldenburg?

Dr. Gabriel: Da gibt es mehrere Punkte: Zum einen sind es natürlich die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse, die durch unsere Arbeit für den Kunden praktischen Nutzen bekommen. Dann ist es selbstverständlich immer ratsam, Produkte durch einen kompetenten und neutralen Dritten testen zu lassen. Denken Sie nur an die Bedeutung der Stiftung Warentest! Unsere Kunden können nachweisen, dass ihr Produkt eine bestimmte Leistung bringt. Und die Unternehmen bekommen unsere Test-Ergebnisse sehr schnell und können sie umgehend in die Geräte-Entwicklung einfließen lassen. Ein weiterer Vorteil ist, dass das Hörzentrum durch seine medizinische Betreuung über vielfältige Erfahrung im Umgang mit dem hörgeschädigten Verbraucher verfügt und eine große Datenbasis hat. Für unsere Tests können wir gezielt Probanden nach den jeweiligen Wünschen der Industrie auswählen.

Dr. Schulte: Übrigens gibt es eine Reihe von Herstellern, die gar keine eigene Entwicklungsabteilung haben. Sie nutzen die Möglichkeit, ihre Entwicklungsarbeit sozusagen an uns auszulagern. Das wird nicht zuletzt durch die bereits erwähnte transparente Studienführung praktikabel. Und was wir keinesfalls vergessen sollten: Unser Leistungsportfolio umfasst nicht nur die Entwicklung, sondern auch Vermarktung der audiologischen Produkte: Welche Zielgruppen hat ein Produkt und wie sollte man seine Markteinführung gestalten? Wie kann man die Nachfrage für ein Hörgerät steigern? Bei solchen Fragen arbeiten wir eng mit unserem Bereich Markt- und Wirkungs-Forschung zusammen.

Hörakustik: Seit 2002 residiert das Hörzentrum Oldenburg in seinem Haus des Hörens. Mit der Arbeitsgruppe Medizinische Physik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, dem Kompetenzzentrum HörTech gGmbH sowie dem Studiengang »Hörtechnik und Audiologie« der Jade Hochschule (Wilhelmshaven) haben auch die anderen Institutionen der Oldenburger Hörforschung im Haus des Hörens ein angemessenes Domizil gefunden. Welche Veränderungen hat der Umzug denn für Ihre tägliche Arbeit gebracht?

Dr. Gabriel: Das brachte eine Reihe von Vorteilen, von denen nicht nur wir Mitarbeiter, sondern vor allem unsere Kunden profitieren. Allein die Räumlichkeiten – früher gab es ganze zwei Messkabinen, heute haben wir zehn. Wir können mehrere Probanden gleichzeitig testen, mehr Projekte in kürzerer Zeit durchführen. Für die Zusammenarbeit mit den anderen Institutionen brachte der Umzug ebenfalls ein deutliches Plus. Nicht zu vergessen unsere technische Ausstattung. Da ist alles vom Feinsten.

Hörakustik: Apropos technische Ausstattung – das Kompetenzzentrum HörTech hat hier kürzlich den Kommunikationsakustik-Simulator (KAS) eingeweiht, eine bundesweit einmalige Anlage zur Untersuchung der Raumakustik, mit der man beispielsweise den Klang einer Kathedrale oder eines Konzertsaals oder auch den eines ganz normalen Büroraums nachbilden kann. Können Sie den KAS denn auch für die Evaluation audiologischer Produkte nutzen?

Dr. Schulte: Durchaus. Da laufen bereits mehrere Projekte. Mit dem KAS können wir auf Knopfdruck alltagsnahe akustische Situationen unter Laborbedingungen erzeugen. Wir testen das Verstehen im Störgeräusch, etwa in einer Cafeteria bzw. im Straßenlärm, oder den Einfluss von Halligkeit, wie sie in einer Bahnhofshalle oder in einer Kirche zu finden ist.

Hörakustik: Also Faktoren, die sich beispielsweise ganz entscheidend auf die Spontanakzeptanz auswirken können?

Dr. Schulte: Sie sagen es. Spontanakzeptanz, das ist überhaupt ein ganz großes Thema für uns.

Hörakustik: Frau Dr. Gabriel, zum Abschluss noch eine persönliche Frage an Sie: Die Leser der »Hörakustik« kennen Sie als Fachreferentin auf zahlreichen Tagungen und beim EUHA- Kongress, vor allem aber als diejenige, die den Bereich der audiologischen Evaluation im Oldenburger Hörzentrum aufgebaut hat und ihn leitet. Doch möglicherweise wissen viele noch nicht, dass Sie das Hörzentrum in einigen Wochen verlassen werden, um sich neuen beruflichen Herausforderungen zu stellen. Wie sehen Ihre Pläne aus? Werden Sie der Hör-Branche treu bleiben?

Dr. Gabriel: Erst einmal möchte ich sagen, dass mir der Weggang vom Oldenburger Hörzentrum keinesfalls leicht fällt. Die 9 Jahre, in denen wir das Hörzentrum gemeinsam zu dem gemacht haben, was es heute ist, waren mir eine Herzenssache. Und ich habe hier erfahren, was mir das Reizvollste an einer beruflichen Tätigkeit ist: die tägliche Zusammenarbeit mit unseren Kunden und meinem tollen Team. Aber wissen Sie, Beruf heißt für mich immer auch neue Herausforderung, Veränderung. Nach neun erfolgreichen Oldenburger Jahren scheint mir der Zeitpunkt gekommen, um noch einmal ein Stück Neuland zu betreten. Übrigens bleibe ich der Hör-Branche dabei auch weiterhin treu. Im April werde ich eine Position innerhalb der Siemens Audiologische Technik GmbH übernehmen. Und natürlich werde ich immer wieder gern an meine alte Wirkungsstätte zurückkehren. Im Rahmen von Fortbildungs-Veranstaltungen wird man mich beispielsweise auch weiterhin im Haus des Hörens erleben können.

Hörakustik: Frau Dr. Gabriel, Herr Dr. Schulte, vielen Dank für das freundliche Gespräch und viel Erfolg bei Ihrer weiteren Arbeit.

Autor: Martin Schaarschmidt

 

 

Autor: Thomas Keck

Thomas Keck ist durch seinen Beruf als Hörsystemakustiker bestens mit der Präzision und Sorgfalt vertraut, die sowohl für die technische Arbeit als auch für den direkten Kundenkontakt erforderlich sind. Sein Werdegang zeugt von einer kontinuierlichen Entwicklung und einem hohen Maß an Fachwissen, unterstrichen durch den Meisterbrief und die Selbstständigkeit. Er verfolgt seine Interessen mit Leidenschaft und widmet sich einer Vielzahl von Aktivitäten, von Musik über die Beschäftigung mit Oldtimern bis hin zur Werteschätzung der Bibel. Thomas bewundert Menschen, die in ihrem Feld Spitzenleistungen erbringen, wie diverse Musiker und Schauspieler. Dies deutet auf eine hohe Wertschätzung für Expertise und handwerkliches Können hin.

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