Rumänien setzt auf Wissenstransfer (To be Insider in 9 Minute n)

Ausbildung mit Modellcharakter

Mit der Erweiterung der EU um 10 neue Mitglieder 2004 ist zwangsläufig der Osten verstärkt in unser Blickfeld geraten. Nicht nur die Wirtschaft schaut seit geraumer Zeit interessiert ostwärts und bewegt sich auch dorthin. Institutionen und Verbände richten ebenfalls ihren Kompass neu ein und sind dabel auszuloten, auf welche neuen Herausforderungen und Chancen man sich einzustellen hat. Da macht auch die A.E.A. (l´Assoçiation Européenne des Audioprothésistes) keine Ausnahme, zumal hier ein neuer, aktiver Geist herrscht, seitdem [Bundesinnungs-Obermeisterin (BIOM)] Marianne Frickel das europäische Hörgeräte-Zepter übernommen hat – mit dem umtriebigen biha-Generalsekretär Jakob Stephan Baschab zur Seite.

Über Rumänien liest man in unseren Medien selten etwas Positives. Von dort scheinen vor allem organisierte Bettler- oder Diebesbanden unser Land zum bevorzugten Reiseziel erkoren zu haben. Auch raffinierte Geldfälscher und brutale Zuhälter wurden schon gesichtet. Dass es jedoch auch große Bemühungen gibt, das zurückgebliebene Land allmählich an westliche Standards heranzuführen, um in nicht ferner Zukunft ein vollwertiges EU-Mitglied entstehen zu lassen, wird oft übersehen.

Als aus Bukarest Signale kamen, dass man in Rumänien am deutschen Hörgeräte-Akustiker – Handwerksberufs-Modell interessiert sei – momentan gibt’s dort noch gar kein »Modell« – horchte man in Mainz auf. Warum sollte Rumänien nicht am deutschen Akustikerwesen genesen? Schließlich hat man dort auch das deutsche AOK-Modell für die landesweite Krankenversicherung übernommen.

Also wurden erste zarte Kontakte geknüpft. Zu einer Einladung zum Akustiker-Kongress in Frankfurt reichte es zwar nicht ganz, aber Ende Januar war die Sache dann doch in trockenen Tüchern, und eine rumänische Delegation konnte, nachdem das finanzielle Drum und Dran geklärt war, anreisen. Es war eine zweiköpfige Mini-Delegation, denn in Rumänien hatten kurz zuvor Wahlen stattgefunden, was für viele wichtige Posten eine Verschiebung zur Folge hatte, so dass ein Teil der erwarteten Gäste nicht erschien.

Aber Adi Milstin, Präsident der »Asociatia Nationala a Acusticienilor« nebst Dr. Iona Alexandra Voda, »Secretar general« waren kompetente Gesprächspartner, welche die beiden Tage, den 27. und 28 Januar 2005, an der Akademie für Hörakustik (afh) in Lübeck bestimmt nicht vergessen werden.

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Präsentation der Akademie vor den rumänischen Gästen war ein Leckerbissen, bzw. wie es mittlerweile in der deutschen Sprache heißt: ein Highlight. Im Übrigen wurde die deutsche Sprache von einer perfekten Simultan-Dolmetscherin ins Rumänische übertragen, und nebenher konnte man sich auch auf Englisch verständigen.

Marianne Frickel begrüßte die erwartungsvollen Gäste in deutsch und rumänisch (per PowerPoint) und eröffnete damit eine Akademie-Selbstdarstellung par excellence. Ihr folgte Stephan Baschab, der die Organisationsstruktur unseres Berufsstandes in einem umfassenden Überblick darstellte.

Volker Burmeister erklärte den staunenden Gästen das deutsche Bildungs- und Ausbildungs-System mit seinen vielfältigen Ausbildungs-Stationen in allen Facetten und Verzweigungen. Die Darstellung der Akademie – alles unter einem Dach – machte auch dem Berichterstatter erneut deutlich, dass uns hier eine Institution der Sonderklasse zur Verfügung steht, die auf der Welt ihresgleichen sucht.

Eckhard Schroeder erläuterte schließlich die munter voranschreitende europäische Bildungspolitik mit dem Leonardo da VinciProjekt, bevor zum Abschluss Dipl.-Ing. Reimer Rohweder sein Deutsches Hörgeräte-Institut GmbH (DHI) mit den Rechts-relevanten Messungen ins rechte Licht rücken konnte.

Alle Referenten waren perfekt vorbereitet und erledigten ihre Aufgabe mit Bravour. Für die Gäste allerdings war dies fast zuviel, denn deren Gesichter wurden angesichts dieser Flut von wohlorganisierten, ineinandergreifenden Systemen immer nachdenklicher und auch ein wenig traurig. Adi Milstin fasste seine Eindrücke so zusammen: »Wir sind bei 0 % und Sie sind bei 150 %.«

Anschließend wurde ausgiebig diskutiert: Was ist zu tun? Vermutlich wird man in Lübeck einen kleinen rumänischen Kader ausbilden, der dann seinerseits das Gelernte daheim weiter vermitteln soll. Dass dabei nicht gleich der rumänische Akustiker 1 : 1 zum deutschen herauskommt, ist absehbar, wird aber auch von niemandem erwartet. Wesentlich ist, dass unser Berufsbild in den Osten »exportiert« wird (Bulgarien hat ebenfalls schon Interesse signalisiert), weil dieses Berufsbild um so sicherer wird, je mehr Länder es übernehmen. Das ist letztendlich die Langzeit-Idee, die dahintersteckt.

Der gemeinsame Abend wurde nach altbewährtem Lübeck-Schema gestaltet: [Restaurant] Schiffergesellschaft. Und am Morgen darauf stand eine umfassende Besichtigung der Akademie auf dem Programm. Der Eindruck, den unser Ausbildungszentrum mit seinem lebhaften jungen Volk auf die Gäste machte, war – wie kaum anders zu erwarten – hervorragend. Angesichts der opulenten technischen Ausstattung bemerkte Frau Dr. Voda: »Das ist ja wie bei der NASA«.

Das abschließende Mittagessen unter all den fröhlichen jungen Leuten – es war gerade Abreisetag – vermittelte noch einmal die Atmosphäre eines ganz und gar außergewöhnlichen (Aus-)Bildungszentrums, auf das wir mit Recht stolz sein dürfen.

Hinter allem stand, wieder einmal, die geräuschlose und effiziente Regie von Rainer Gerber, der mehr und mehr zum guten Hausgeist der Akademie mutiert. Wenn man sich – ungern natürlich – noch erinnert, wie vor wenigen Jahren der ganze Lübecker Laden gewackelt hat (man verzeihe dem Berichterstatter diese saloppe Ausdrucksweise), dann kann man nur befriedigt sagen: Es ist viel passiert! Und die Rumänen haben auf jeden Fall zuhause eine Menge zu erzählen. Und eine Menge zu tun. Denn vorerst ist ihr Land auf der Hörgeräte-akustischen Landkarte noch ein ziemlich weißer Fleck, den es in der nahen Zukunft zu tilgen gilt.

Autor: Gerhard Hillig

 

 

Autor: Thomas Keck

Thomas Keck ist durch seinen Beruf als Hörsystemakustiker bestens mit der Präzision und Sorgfalt vertraut, die sowohl für die technische Arbeit als auch für den direkten Kundenkontakt erforderlich sind. Sein Werdegang zeugt von einer kontinuierlichen Entwicklung und einem hohen Maß an Fachwissen, unterstrichen durch den Meisterbrief und die Selbstständigkeit. Er verfolgt seine Interessen mit Leidenschaft und widmet sich einer Vielzahl von Aktivitäten, von Musik über die Beschäftigung mit Oldtimern bis hin zur Werteschätzung der Bibel. Thomas bewundert Menschen, die in ihrem Feld Spitzenleistungen erbringen, wie diverse Musiker und Schauspieler. Dies deutet auf eine hohe Wertschätzung für Expertise und handwerkliches Können hin.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert