Bundesgemeinschaft der Eltern und Freunde hörgeschädigter Kinder e.V. (To be Insider in 12 Minute n)

Tagung in Berlin zur Integration Hörgeschädigter durch Lautsprache

Hören ist ein Grundrecht

Dass der Staat an allen Ecken und Ende sparen muss, weiß man. Dass dabei dann auch mal der gesunde Menschenverstand, wenn nicht gar mehr, auf der Strecke bleiben kann, weiß man ebenfalls, wie die entwürdigende Debatte um den deutschen Nationalfeiertag als Objekt der Sparbegierde zeigt.

Wenn die Sparwut allerdings die Ausbildung und Beschulung von Kindern trifft (hier genauer: von hörgeschädigten Kindern), dann hört der Spaß auf, man muss nicht nur dagegen sein, sondern nachhaltig aktiv werden. Und genau das hat die Bundesgemeinschaft der Eltern und Freunde hörgeschädigter Kinder e.V. getan, als offenbar wurde, dass man in Berlin den Lehrstuhl für Gehörlosen- und Schwerhörigen-Pädagogik dem erst kürzlich eingerichteten Lehrstuhl für Gebärdensprach-Forschung und Gebärdendolmetscher-Ausbildung zuordnen wolle.

So wurde für den 29. Oktober 2004 sehr kurzfristig zu einer hochkarätig besetzten Tagung unter dem Motto »Hören ist ein Grundrecht, Integration Hörgeschädigter durch Lautsprache« ins legendäre Kleisthaus (Teil des Bundesministeriums für Gesundheit und [des Bundesamtes für] soziale Sicherung) nach Berlin eingeladen. Schon bei der der Tagung vorangehenden Pressekonferenz zeichnete sich ab, dass man die immense Dimension der Thematik, will man sie gründlich und wissenschaftlich fundiert diskutieren, nicht in wenigen Tagungsstunden würde gerecht werden können. Trotzdem golang das Kunststück, aus sehr unterschiedlicher Sicht zur Quintessenz zu kommen: Die Hörförderung von insbesondere hochgradig schwerhörigen Kindern verlangt eine ständige und umfassende und aktualisierte Aus- und Fortbildung von Pädagogen in den Bereichen Hören, Hörtechnik und Lautsprache, was eben nur von einem Lehrstuhlinhaber geleistet werden kann, der sich auf diesen Bereich konzentriert.

Wer nun annimmt, dass dies eigentich in Anbetracht der erdrückenden Majorität schwerhöriger Kinder gegentiber einer Minderheit von gehörlosen Kindern eine Selbstverständlichkeit sein sollte, sieht sich getäuscht. Die Diskussion ist ja nicht neu und wurde lange fahre streckenweise auch »fundamentalistisch« seitens der Gebärdensprach-Befürworter geführt. Natürlich hat die Gebärdensprache ihre Berechtigung, wer sie benutzen will, dem soll dies unbenommen bleiben, stellte die Vorsitzende der Bundesgemeinschaft, Hannelore Hartmann, sachlich fest. Die zahlreichen Bemühungen für mehr Gebärdendolmetscher und die Sicherung der Kommunikation zeichensprachlich orientierter Gehörloser können jedoch nicht übersehen, dass die Kommunikation eines Menschen über die Lautsprache erfolgt und weiterhin, dass die moderne Medizintechnik so enorme Forschritte gemacht hat, dass sich von der Frühförderung von hörgeschädigten Kindern bis hin zur qualifizierten lautsprachlichen Erziehung heute optimale Integrationsmöglichkeiten ergeben, die vor zwei oder drei Jahrzehnten noch undenkbar gewesen wären. Diese zu nutzen, den Kindern eine schulische, und später auch berufliche und gesellschaftliche Akzeptanz durch lautsprachliche Kommunikation zu sichern, sei primäre Aufgabe der Erziehung, so Hannelore Hartmann in ihrer Stellungnahme.

Schirmherr der Tagung war der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Karl Hermann Haack. Dessen Grußwort wurde vertretungsweise von Frau Dr. Müller-Preusker vorgetragen und ging neben dem Problem der Finanzierung des wichtigen Hörscreenings auf die Frühförderung, die Hörgeräteversorgung und auch die schulische Ausbildung ein. Da der letztere Bereich ja Anlass der Tagung war, ging das Grußwort auch hierauf ein, leider mit einer wenig konkreten Aussage, die den mit schwerhörigen Kindern arbeitenden Fachleuten zudem noch das Gefühl geben könnte, zu sehen, wie man klarkomme. Man solle sich bei berechtigter Sorge (hier: mögliche Einschränkungen der lautsprachlichen Erziehung durch nicht oder nicht hinreichend kompetente Lehrstuhl-Inhaber) an die entsprechenden Hochschullehrer, gegebenenfalls an die Kultusminister wenden und auch die Hilfe von Landes-Behindertenbeauftragten und -Abgeordneten suchen. Das jedoch ist in der Praxis so ergiebig wie die Suche nach Pflaumen im Birnbaum. Natürlich hat Haack durchaus erkannt, dass die Ausbildung künftiger Hörgeschädigten-Pädagogen durch entsprechende Studien- und Prüfungs-Ordnungen abgesichert werden und beide (!) Integrationsmöglichkeiten einen entsprechenden Stellenwert bekommen müssen. Aber der Hinweis auf »beide« Integrationsmöglichkeiten zeigt schon, dass die Belange der Mehrheit der hörgeschädigten Kinder, nämlich die lautsprachliche Erziehung, in ihrer verzweifelten, händeringenden Suche nach Selbstverständlichkeit offenbar nicht erkannt wurden, denn die Integration behinderter Menschen bedeutet ja eben gerade die Ermöglichung der Teilnahme am Leben der Nichtbehinderten.

Interessant waren übrigens auch die Ausführungen im Grußwort zum Thema Hörscreening, denn ganze 9 Jahre habe es gedauert, bis eine Studie dem heutigen sogenannten Gemeinsamen Bundesausschuss vorgelegt wurde, nach der das Hörscreening als Versicherungsleistung anzuerkennen sei, nun werde weiter in den Gremien geprüft, hoffentlich nicht weitere neun Jahre, so Dr. Müller-Preusker recht leidenschaftslos.

Hierauf ging in einem Statement denn auch sehr markant Frau Dr. Agnes Hildmann ein, Leiterin der Initiative Joint Committee Aktion »Frühkindliches Hören«, die ausführte, dass das wichtige Hörscreening in Belgien oder Polen z.B. bereits nach einem halben Jahr als notwendige Versicherungsleistung anerkannt worden sei. Zur Untermauerung der Wichtigkeit lautsprachlicher Erziehung trug Dr. Hildmann dann in der leider nur möglichen Kurzform die 4 Schwerpunkte der Initiative vor:

  1. die Einführung eines flächendeckenden Neugeborenen-Hörscreenings inklusive Folgemaßnahme durch zentrale Datenerfassung, pädaudiologische Diagnostik,
  2. medikamentöse und
  3. operative Therapie wie apparative Versorgung (Hörsystem / CI) und
  4. eine durchdachte Nachsorge und Rehabilitation wie pädagogische Frühförderung.

Wie eingangs erwähnt, war die Tagung hochkarätig besetzt, es würde aber diese Berichterstattung sprengen, auf die Vielzahl der sehr gehaltvollen Referate und Beiträge einzugehen. Es wurde seitens der Bundesgemeinschaft wirklich alles getan, das Grundrecht auf Hören und die Notwendigkeit einer lautsprachlichen und hörgerichteten Erziehung von hörgeschädigten Kindern zu ermöglichen. So sprach sich Prof. em. W. Hartwig Claußen mit Nachdruck dafür aus, auch und besonders an die weitere Entwicklung schwerhöriger Kinder in einer lautsprachlichen »Normalwelt« zu denken und zielgerichtet auszubilden. Prof. Große von der Humboldt-Universität zu Berlin ging auf die veränderten Populationsstrukturen an den Schulen für Hörbehinderte ein und unterstrich die Notwendigkeit des Hörenlernens als entscheidendes Ziel im Interesse einer optimalen Förderung der Lautsprache. Manfred Isstas, Vorsitzender der Bundes Direktoren Konferenz (BUDIKO) der Arbeitsgemeinschaft der Leiter:innen der Bildungseinrichtungen für Gehörlose und Schwerhörige, stellte eine Resolution zum Ausbildungsprofil von Lehrern an Schulen / Förderzentren für Gehörlose und Schwerhörige vor, wonach nicht nur einseitig ausgerichtete Lehrinhalte zu berücksichtigen seien, sondern sehr umfassende, wie z.B. auch die Bedeutung der Geschichte des Hörgeschädigten-Bildungswesens (von Prof. Claußen übrigens mehr als beeindruckend im Organ der Bundesgemeinschaft Spektrum Hören (Nr. 1/2004) beschrieben).

Sehr qualifizierte Beiträge kamen auch von zwei erwachsenen Betroffenen, nämlich Fritz Bernd Kneisel und Hartwig Eisel, beide vom Schwerhörigen-Verein Berlin e.V. (BERLINerhören), die anschaulich darstellten, wie wichtig lautsprachliche Kommunikation besonders im Berufsleben ist, und natürlich auch von den Eltern betroffener Kinder.

Diese nicht selten auch wegen des leidigen Verwaltungsaufwandes in Bezug auf die Versorgungskosten leidgeprüften Eltern berichteten eindrucksvoll von den Erfolgen einer Frühförderung, so z.B. Vera Starke vom Cochlear Implant Centrum Berlin-Brandenburg gGmbH (CIC), aber auch von dem nicht immer einfachen Weg, erst einmal einen gang- und finanzierbaren Weg für die Ausbildung hörgeschädigter Kinder zu bekommen. Völlig treffend führte Organisatorin Hannelore Hartmann mit Blick auf den Leistungsbereich zudem aus, wie sich Eltern voller Sorgen um ihr gerade als hörgeschädigt diagnostiziertes Kind nun auf den Weg machen sollen, den »billigsten« Akustiker ausfindig zu machen. Die unendliche Gedankenlosigkeit der Politiker, sich bei Gesetzen und Verordnungen im Leistungsbereich auch mal an der Praxis zu orientieren (vgl. den Unsinn mit der Praxisgebühr) bekommt nun – so könnte man als Fazit der Tagung sagen – eine Bereicherung im Bildungsbereich, wonach es schon »irgendwie« zu koordinieren sei, wenn laut- und gebärdensprachliche Lerninhalte für Hörgeschädigten-Pädagogen angeboten werden. Dieser blinden Verwaltungsarroganz muss man im Sinne der hörgeschädigten Kinder und ihrer Zukunft in einer lautsprachlichen Welt mit Vehemenz entgegentreten. Das hat die Tagung der Bundesgemeinschaft eindrucksvoll getan.

Autor: Claus Harmsen

 

 

Autor: Thomas Keck

Thomas Keck ist durch seinen Beruf als Hörsystemakustiker bestens mit der Präzision und Sorgfalt vertraut, die sowohl für die technische Arbeit als auch für den direkten Kundenkontakt erforderlich sind. Sein Werdegang zeugt von einer kontinuierlichen Entwicklung und einem hohen Maß an Fachwissen, unterstrichen durch den Meisterbrief und die Selbstständigkeit. Er verfolgt seine Interessen mit Leidenschaft und widmet sich einer Vielzahl von Aktivitäten, von Musik über die Beschäftigung mit Oldtimern bis hin zur Werteschätzung der Bibel. Thomas bewundert Menschen, die in ihrem Feld Spitzenleistungen erbringen, wie diverse Musiker und Schauspieler. Dies deutet auf eine hohe Wertschätzung für Expertise und handwerkliches Können hin.

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