Im Gespräch mit einer außergewöhnlichen Frau
Sarah Neef ist 23 Jahre alt, sie tanzt Ballett und spricht 5 Sprachen, die sie noch nie im Leben gehört hat, denn sie ist taub. In der Sendung »Beckmann«, die in der ARD ausgestrahlt wird, plauderte sie über ihre Gehörlosigkeit und wie sie mit ihren Mitmenschen kommuniziert.
Ihre Lautsprache ist wie bei Normalhörenden ausgeprägt, ihr Leben ist sehr interessant und wer nicht weiß, dass sie taub ist, wird nicht glauben, eine Gehörlose vor sich zu haben. Diese Persönlichkeit ist so bemerkenswert und außergewöhnlich, dass wir sie unseren Lesern gerne vorstellen wollen und das Gespräch mit ihr suchten.
Hörakustik: Frau Neef, Sie sind 23 Jahre alt und gehörlos. Seit wann hören Sie nicht?
Sarah Neef: Seit meiner Geburt, bei der ich aufgrund von Sauerstoffmangel ertaubt bin.
Hörakustik: Hören Sie gar nichts, oder haben Sie ein Restgehör?
Sarah Neef: Mein Hörverlust beträgt 100 bis 120 dB, was bedeutet, dass ich mit Hilfe von Hörgeräten noch einige extrem laute Geräusche wahrnehmen kann, die unmittelbar in meiner Nähe entstehen. Die gesprochene Sprache jedoch kann ich auditiv nicht mehr erfassen.
Hörakustik: Tragen Sie Hörgeräte?
Sarah Neef: Ich trage Hinter-dem-Ohr – Geräte eines Schweizer Herstellers. Ich habe schon immer Hörgeräte getragen.
Hörakustik: War es am Anfang schwierig für Ihre Eltern, mit Ihrer besonderen Situation umzugehen?
Sarah Neef: Meine Eltern standen mit Sicherheit vor einer ihrer schwierigsten Lebensentscheidungen, vor allem wussten sie nicht, wie sie mir das Leben erleichtern sollten. Die Diagnose Gehörlosigkeit hat sie vor unzählige Fragen und Entscheidungen gestellt. Wie einem Kind die Welt erklären, wenn man dabei nicht das wichtigste Werkzeug, die Sprache, verwenden kann? Wie wachsen gehörlose Kinder auf? Welches ist die beste Erziehung für das gehörlose Kind? Werde ich mich jemals in der Gesellschaft zurechtfinden können oder droht mir gänzliche Isolation? Werde ich verstehen und verstanden werden können? Meine Eltern waren jedoch von Anfang an entschlossen, mich zur Selbstständigkeit zu erziehen, damit ich später nicht in Abhängigkeit von anderen leben musste. Sie wollten mir mit der lautsprachlichen Erziehung die Freiheit im Leben schenken, mit der Eigenbestimmung, Selbstverwirklichung und Autonomie einhergehen. Sie machten mir damit das größte Geschenk, das Eltern ihren Kindern überhaupt bringen können.
Hörakustik: Sie sagten in der TV-Sendung bei Reinhold Beckmann, dass Sie sich für die Früherkennung stark machen und einsetzen. Wie äußert sich das?
Sarah Neef: Im September 2000 gründete ich zusammen mit weiteren lautsprachlich kommunizierenden Hörgeschädigten den Verein »Lautsprachlich Kommunizierende Hörgeschädigte Deutschlands e.V.« (LKHD). Dieser Verein ist weniger eine Selbsthilfe-Organisation als ein Förderverein, der sich sehr stark für die Früherkennung von Hörschäden durch Neugeborenen-Screening einsetzt, für die frühestmögliche Anpassung von Hörhilfen und nicht zuletzt für die lautsprachliche Erziehung, die dem hörgeschädigten Kind die besten Voraussetzungen bietet, eine dem hörenden Kind adäquate Hör- und Sprach-Entwicklung zu erfahren. Der LKHD (www.lkh-deutschland.de) soll ein Mekka sein für lautsprachlich kommunizierende Hörgeschädigte, die ihre Erfahrungen austauschen können und gleichzeitig auch für Eltern, Freunde und Bekannte von Betroffenen, die sich informieren möchten. Bis vor kurzem fungierte ich ehrenamtlich im Vorstand als Leiterin des Ressorts Öffentlichkeitsarbeit. Die Themen Gebärdensprache und lautsprachbegleitende Gebärden (LBG) werden in der Vereinsarbeit ganz bewusst ausgeklammert. Sie werden bereits von anderen Organisationen zur Genüge bearbeitet.
Hörakustik: Wie kommunizieren Sie mit Ihren Mitmenschen?
Sarah Neef: Ich verwende schließlich die Lautsprache, wie eine Hörende verständige ich mich durch das gesprochene Wort – mit dem einzigen Unterschied, dass ich meinem Gesprächspartner von den Lippen ablese, ihn also nicht auditiv erfassen kann. Die Gebärdensprache beherrsche ich nicht.
Hörakustik: Gibt es Buchstaben, die besonders schwer waren zu erlernen?
Sarah Neef: Ja, die Zischlaute sowie das «R» erforderten zähe Arbeit, bis sie mir fehlerfrei über die Lippen kamen. Auch im Französischen musste ich erst lernen, die verschiedenen nasalen Laute differenzieren zu können, Sie werden ja hinten am Gaumen gebildet und sind somit vorne an den Lippen schwer zu unterscheiden und somit auch schwerer nachzuahmen.
Hörakustik: Obwohl Sie nicht hören, wollten Sie Balletttänzerin werden. Wodurch kam dieser Wunsch zustande?
Sarah Neef: Im Alter von zwei Jahren hatte ich ein Schlüsselerlebnis. Ich durfte mit meinen Eltern in das Ballett »Dornröschen« gehen. Ich staunte über diese märchenhafte, mondäne und glanzvolle Welt, in die ich eintauchte, als wir das Opernhaus betraten. Ich war gebannt von den atemberaubend grazilen Tänzerinnen, ihrer zerbrechlichen Anmut, und den Tänzern mit ihrer kraftvollen Eleganz. Diese schwerelosen Wesen, ihre zauberhaften Kostüme, die märchenhaft schöne Kulisse und die mysteriöse Beleuchtung zogen mich in ihren Bann, dem ich nur allzu gern erlag. Diesem Zauber erlag ich so, dass ich die störende Pause überbrückte, indem ich im Foyer anfing zu tanzen, um danach wieder beim Zuschauen fast das Atmen zu vergessen. Ich wollte mittanzen. Ich wollte zu denen gehören, mit ihnen schweben. Viel zu schnell fiel der Vorhang. Ich brach in Tränen aus, weil die Vorstellung schon zu Ende war, und wollte nicht mehr gehen. Ich wollte sitzen bleiben und warten, bis der Vorhang sich wieder öffnen würde, und mich von den Tänzern wieder verzaubern lassen. Noch lange weinte ich bitterlich und fing an, immer wieder ein paar Tanzschritte nachzuahmen. Daraufhin ging meine Mutter mit mir in eine Mutter-Kind – Rhythmik-Gruppe und bald darauf fand ich meinen Weg auf die Bühne.
Hörakustik: Wie reagierte Ihre erste Tanzlehrerin, als sie sich bei Ihr vorstellten und sie merkte, dass Sie nichts hören?
Sarah Neef: Es begann, wie gesagt, mit der Mutter-Kind – Rhythmik in der Ballettschule Telos (wir haben über diese Schule in Stuttgart bereits mehrfach berichtet – Red.). Von der ersten Rhythmikstunde an war ich verzaubert von der Bewegung, ich war glücklich und hingebungsvoll im Staunen. Meine Ballettehrerin erkannte rasch meine Begeisterung für das Tanzen und förderte mich, indem ich sehr früh mit professionellen Tänzern auftreten durfte. Ich blieb bis zu meinem dreizehnten Lebensjahr bei Telos, heute arbeite ich eng mit Nicole Bühler in Plochingen zusammen.
Hörakustik: Ist es schwierig zu tanzen, ohne etwas zu hören?
Sarah Neef: Taubheit bedeutet nicht, dass man Musik nicht hören bzw. nicht aufnehmen kann. Es bedeutet nur, dass etwas mit den Ohren nicht in Ordnung ist. Sogar jemand, der vollkommen taub ist, kann immer noch Laute hören, d.h. für sie in Form von Schwingungen empfänglich sein. Ich fühle alles, ich benutze meinen ganzen Körper bei der Wahrnehmung von Musik. Die tieferen Töne fühle ich in den Beinen, im Bauch, die hohen Töne mit dem Gesicht, mit der Haut. Ich bin dann wie eine hochsensible Radarstation, die alles aufnimmt und im »inneren Radio« speichert, was ich letztendlich nur noch in mir abspiele. Ich höre auch über die Knochen – und natürlich auch mit den Augen.
Um die Wesensart der Gehörlosigkeit in Verbindung mit Musik zu erkennen, muss man erst die des Hörens verstehen. Hören ist grundsätzlich eine spezialisierte Form des »Fühlens«. Ein Laut ist einfach vibrierende Luft, welche das Ohr aufnimmt und in elektrische Signale umwandelt, die dann vom Gehirn interpretiert werden. Nebst dem Gehörsinn tut dies auch der Gefühlssinn. Wenn z.B. ein schwerer Lastwagen an uns vorbeifährt, fühlt und hört man die Vibration. Bei sehr niedriger Vibrationsfrequenz beginnt das Ohr leistungsunfähig zu werden und der Gefühlssinn übernimmt die Verarbeitung der Signale: Aus gewissen Gründen neigen wir dazu, zwischen »einen Laut zu hören« und »eine Vibration zu fühlen« einen Unterschied zu machen – in Wirklichkeit ist es dasselbe. Interessanterweise bestehen in den lateinischen Sprachen diese Unterschiede nicht: sentire (ital.) resp. sentir (frz.) bedeutet »hören« und in der reflexiven Form »fühlen«. Eine ebenfalls klare Unterscheidung zwischen zwei »Arten« des Hörens kennt die deutsche Sprache im Gegensatz etwa zur englischen (to hear – to listen) oder französischen (entendre – écouter) nicht.
Das Ohr, ein komplexes Gebilde, hat die Aufgaben, Informationen zu sammeln und sie in sprachlicher Form zu präsentieren. Doch mit dem komplexen Gebilde ist ein Ohr gemeint, das nicht auf das Organ einzugrenzen ist, wie es unserem üblichen Verständnis des Wortes entspricht. Sein Wirkungsbereich ist weit größer, als Sie glauben. Selbst wenn Sie sich jetzt dazu entschließen, über das Innenohr hinauszugehen und den Hörnerv mit seinen Kernen, seinen auf- und absteigenden Ästen hinzuzurechnen, haben Sie noch immer nicht die Ebene erreicht, auf der das Ohr nach meiner Auffassung anzusiedeln ist. Durch die Allgegenwart seiner Funktion erreicht es nämlich auch die Gesamtheit des Nervensystems. Diese Funktion ist das Horchen, das, in der umfassendsten Bedeutung des Wortes, alle Elemente einschließt, die erforderlich sind, um für die wechselseitige Kommunikation zwischen Innen und Außen zu sorgen. Zum Nervensystem zählen wir auch die Rezeptoren für das Sehen und das Fühlen. Wir können Dinge in Bewegung und vibrieren sehen. Wenn man z.B. die sich bewegenden Blätter eines Baumes sieht, erzeugt das Gehirn automatisch den entsprechenden Ton dazu. Die verschiedenen Vorgänge, die das Hören von Tönen mit sich bringt, sind sehr komplex – sie spielen sich unbewusst ab. Hörende bringen alle diese Resultate zusammen und nennen das Endergebnis, den Effekt, einfach »Hören«. Für Nicht-Hörende wird »Hören« differenzierter definiert, da sie auf ihre Weise die Musik wahrnehmen. Das »Hören« wird zum »Horchen«. Hören setzt ein ausgezeichnetes Gehör voraus, während das Horchen mit dem vorlieb nimmt, was das Ohr zu bieten hat. Die Fähigkeit zu Horchen reicht also sehr viel weiter als das Hören. Sie führt zur schärfsten und feinsten Wahrnehmung all dessen, was ist. Jedem Ohr – ob taub oder nicht – das diesen inneren Schwingungen lauscht, werden sich Klänge, die Musik und deren Botschaft offenbaren.
Hörakustik: Sie spielen Klavier. Warum haben sie dieses Instrument erlernt?
Sarah Neef: Ich habe 9 Jahre lang Klavier und Flöte gespielt. Auch das hat mich der Musik nähergebracht. Wenn ich mir ein Stück erarbeite, lese ich oft die Noten; damit bekomme ich eine Vorstellung von der Technik der Komposition.
Hörakustik: Sie besuchten eine Schule für Hörende. Warum gingen sie nicht auf eine Schwerhörigenschule?
Sarah Neef: Ziel meiner Eltern war die Integration in die hörende Welt und damit Zugehörigkeit zu den 90 % der Weltbevölkerung, die hören und sprechen können. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich eine absolut integrative, lautsprachliche Erziehung erfuhr und nicht in einer Schwerhörigenschule isoliert wurde.
Hörakustik: War es schwierig, in einer Schule für Normalhörende den Unterrichtsstoff mitzubekommen?
Sarah Neef: Es ist schon mit mehr Aufwand verbunden, da man als Gehörloser nicht alles im Unterricht mitbekommen kann und zu Hause einiges nacharbeiten muss. Aber zum größten Teil ist es eine Frage der Kooperationsbereitschaft von Seiten der Lehrer.
Hörakustik: Wie waren Ihre Lehrer zu Ihnen? Haben sie Sie unterstützt?
Sarah Neef: Leider war meine Schulzeit in der Waldorfschule geprägt von Verständnislosigkeit. Es war hier die Arbeit mit dem Umfeld, was vieles so erschwert hat. Es kam vor, dass Mitschüler mir ihre Notizen verweigerten, auf die ich angewiesen war, um meine Lücken zu füllen. Es gab sogar Lehrer, die das registrierten, aber diskret wegschauten, und einige Lehrkräfte lehnten es sogar rigoros ab, wenn ich sie um Hilfe bat. Nur ganz wenige Lehrer standen zu mir. Und da das Waldorf-Abitur mit 8 – nicht wie üblich mit 4 – Prüfungsfächern abzulegen ist, war es alles andere als einfach, Nicht weil die Vorbereitung bzw. das Lernen seinen Tribut forderte, sondern weil ich oft hilflos dastand. Ein Beispiel: Es war eine Klausur für ein Hospitationsfach angesagt, deren Ergebnis zur Abi-Note zählte. Keiner hat mir etwas gesagt und so erfuhr ich – weil ich zufällig nachgefragt hatte – erst vier Tage vorher davon. Meine Mitschüler hatten 4 – 5 Wochen Vorbereitungszeit, mir blieben nur noch vier Tage. Ein Viertelpunkt(!!!) hat mir gefehlt, und ich hätte in Musik die Höchstpunktzahl von 15 Notenpunkten bekommen. Da fragt man sich natürlich, ob man die gleichen Voraussetzungen wie die hörenden Mitschüler hatte. Eine Sonderschule wäre ganz sicher keine Alternative für mich gewesen. Aber eine unvoreingenommene Schule, wie es viele meiner hörbehinderten, ebenfalls lautsprachlich kommunizierenden Bekannten erlebten, war mir nicht beschieden.
Hörakustik: Sie haben ein hervorragendes Abitur gemacht und wurden für Ihre Sprachkenntnisse ausgezeichnet. Warum haben sie vier weitere Sprachen zu Ihrer Muttersprache erlernt? Woher kommt diese Liebe zu Sprachen, die Sie nicht hören?
Sarah Neef: Ludwig Wittgenstein sagte einmal:
Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.
Ludwig Josef Johann Wittgenstein,
Philosoph
Dem kann ich nur beipflichten. Jede Sprache eröffnet uns eine neue Kultur, jede Sprache ist eine sich öffnende Tür, die uns zu einer größeren Lebensauffassung und zu kulturellem Reichtum führt. Und durch Fremdsprachen lernt man auch viel über die eigene Muttersprache kennen. Besonders interessant finde ich den Vergleich von Gedichten in den unterschiedlichen Sprachen. Ein Gedicht kann in seiner Übersetzung in eine andere Sprache eine ganz andere Stimmung rüberbringen. Ich lese seit meinem dritten Lebensjahr sehr gern und sehr viel. Alles, was Buchstaben hat, muss meinem Lesehunger standhalten.
Hörakustik: Bei Beckmann habe ich gehört, was für eine gute Lautsprache sie haben. Das ist faszinierend gewesen. Wie lange hat es gedauert, bis Sie auf diesen Stand der Aussprache kamen?
Sarah Neef: Ich leugne nicht, dass es ein durchaus mühevoller Weg war, Hörende lernen die Sprache ja fast nebenbei, der Spracherwerb ist für sie so instinktiv wie das Atmen, sie müssen es ja nicht einmal wollen. Ich dagegen musste mir jedes Wort in seiner Bedeutung aneignen, der Weg zu einer verständlichen Aussprache war alles andere als selbstverständlich. Mit meiner Mutter habe ich jahrelang gearbeitet und an meiner Artikulation gefeilt. Auch heute noch arbeite ich gelegentlich an meiner Sprache. Dazu nehme ich in größeren Abständen Unterricht in Stimmbildung bei Ariane Willikonsky und Stefanie Bisanz, die beide wirklich exzellente Stimmbild- ner sind.
Hörakustik: Was studieren Sie? Im Moment machen Sie ein Praktikum bei DaimlerChrysler im Wissensmanagement. War es schwierig, einen Praktikumplatz zu bekommen?
Sarah Neef: Ich studiere Psychologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Ehrlich gesagt hatte ich wegen des Praktikumplatzes mit Schwierigkeiten gerechnet, ganz einfach, weil ich mich fragte, inwieweit meine Gehörlosigkeit dabei eine Barriere darstellt. Würden die Leute mich trotzdem einstellen, wenn sie von meiner Taubheit erfahren? Denn man hat von Gehörlosen leider noch ein antiquiertes Bild mit Gebärdensprache und mangelnden Sprachkenntnissen. Ich war fast überrascht, als ich dann doch eine Einladung zu einem Vorgespräch erhielt, das sich dann als sehr angenehm erwies. Meine Betreuerin zeigte sich mir gegenüber sehr aufgeschlossen und die Sympathie beruhte auf Gegenseitigkeit. Das ganze Team und alle Leute, mit denen ich während der siebeneinhalb Monate zusammenarbeitete, waren sehr offen zu mir und ich fühlte mich rasch als Teammitglied integriert. Oft »vergaß« ich dadurch sogar meine Behinderung, ich wurde wie jeder andere hörende Praktikant gefordert und gefördert. Ich muss sagen, mir wurde bei Daimler-Chrysler nicht nur ein hochinteressantes Aufgabenfeld mit wertvollen Impulsen für mein Studium erschlossen, ich verbrachte dort auch persönlich eine sehr glückliche Zeit.
Hörakustik: Berufstänzerin kommt für sie nicht in Frage?
Sarah Neef: Nein, dafür denke ich zu viel. Der Beruf eines Tänzers dauert nicht sehr lange an, da der Körper einfach nicht ewig Spitzenleistungen erbringen kann. Ich bin ein Mensch, der Sicherheit braucht. Außerdem habe ich auch immer eine Tätigkeit gebraucht, die mich geistig fordert. Ich werde immer einen Ausgleich zwischen geistiger und körperlicher Tätigkeit brauchen. Das Tanzen wird immer mein liebstes Hobby bleiben.
Hörakustik: »Im Rhythmus der Stille« ist, glaube ich, ein Film über Sie. Ist das Ihre Biographie?
Sarah Neef: Der Film beleuchtet zwar nur einen Teil meines Lebens, aber er wurde wirklich sehr feinfühlig und gut aufgebaut. Er zeigt meine Liebe zur Musik, zur Sprache und zum Tanz – wesentliche Kernpunkte meines Lebens. Natürlich kann man nicht alles in einem einstündigen Dokumentarfilm bündeln, mit ein Grund, warum ich derzeit meine Autobiographie schreibe.
Hörakustik: Welche Aussage sollte der Film den Zuschauern vermitteln?
Sarah Neef: Bestehende Grenzen zu überschreiten, kostet viel Mut. Ich habe mich niemals dem Schubladensystem der Gesellschaft angepasst. Es gibt kaum etwas in meinem Leben, das wirklich »gehörlosentypisch« ist. Das hat nichts damit zu tun, dass ich meine Behinderung vertusche, sondern vielmehr bin ich einfach immer meinen Interessen gefolgt, habe Herausforderungen gesucht. Die Tatsache, dass Komplikationen und ärztliche Fehler bei meiner Geburt mir einen wichtigen Sinn nahmen, wird mich niemals davon abhalten, meinen Weg zu gehen, meine Interessen zu leben. Wir alle müssen immer wieder entscheiden, wo unsere Grenzen liegen. Bei Gehörlosen mag sich diese Entscheidung manchmal als schwieriger gestalten. Ich möchte aber niemals vorzeitig kapitulieren, nur weil ich nicht hören kann, doch gleichzeitig möchte ich auch nicht um jeden Preis meine Grenzen überschreiten. Ich würde mir wünschen, dass auch andere Menschen ihre Chancen nutzen. Schließlich ist mein Weg nur einer von vielen. Und natürlich hoffe ich auch, dass der Film einen anderen Wind in das Gehörlosenwesen wehen lässt, Eltern von hörgeschädigten Kindern Mut gibt und aufzeigt, wie viele Türen die lautsprachliche Erziehung Gehörlosen öffnet, die ohne sie verschlossen blieben.
Hörakustik: Wo kann man die Dokumentation bestellen?
Sarah Neef: Die DVD zum Film »Im Rhythmus der Stille« kann man bei info@film-tv-pool.de bestellen.
Das Gespräch führte Anja Werner.