Besuch einer ungewöhnlichen Ausstellung
»Haben Sie schon mal im Dunkeln geküsst ..?«
DIALOG IM DUNKELN®
EINE AUSSTELLUNG ZUR ENTDECKUNG DES UNSICHTBAREN
AB APRIL 2000 → SPEICHERSTADT HAMBURG
BOOKINGLINE 0700. 44 33 2000
WWW.DIALOG-IM-DUNKELN.DE
Wer solches noch nicht erlebt hat, sollte dies unbedingt nachholen. Spaß beiseite, aber wie lebt man als Nichtsehender? Wie erfühlt und erhört man seine Umgebung ohne Licht? Der Umgang mit hörbeeinträchtigten Menschen ist dem Hörgeräte-Akustiker vertraut. Wie erfährt aber ein blinder Mensch seine Umwelt? Welche Probleme treten beim Blindsein auf im alltäglichen Leben, im Straßenverkehr, beim Einkaufen, im Restaurant? »Dialog im Dunkein«, eine Ausstellung, die in Hamburg besucht werden kann, ist eine sehr gelungene Darbietung von Lebensausschnitten in der Welt ohne Licht, eine Selbsterfahrung für Sehende in der absoluten Dunkelheit. Die derzeitigen Jahres-Meisterstudenten der Akademie für Hörakustik (afh) waren mit ihrem Dozenten Dipl.-Ing. Ulrich Voogdt nach dem Besuch dieser Einrichtung tief beeindruckt.
Nehmen wir einmal einige Situationen des normalen Lebens, wie einen Spaziergang im Wald: unwegsames Gelände, Steine, Bäume, Sträucher, wenn Sie auf dem Weg bleiben, können Sie hoffen, an Ihr Ziel zu kommen. Doch wenn Sie vom Weg abkommen? Gehen wir lieber zum Einkaufen: Im Tante Emma – Laden können Sie noch Ihre Wünsche vortragen, doch heute gibt es diese Art des persönlichen kommunikativen Broterwerbs – im ursprünglichen Sinne – nicht mehr. Versuchen Sie einmal, in einem modernen Supermarkt die Regalreihen nach Ihren Lieblings-Cornflakes, -Puddings oder -Schokobonbons abzutasten. Und die Kleidungswahl? Wie erfährt man eine touristische Reise? Eine Bootsfahrt oder einen Besuch in einem Restaurant, inklusive Getränkeausschank gegen Bezahlung, alles bei absoluter Dunkelheit? Vieles ist heute sehr anonym und ich-bezogen, Blinde haben es nicht einfach. Diese schwierige Lebenslage zu meistern erfordert eine ungeheuere Konzentration auf das Gehörte und Ertastete und natürlich Mut und Erfahrung. Enttäuschungen bleiben nicht aus – darum helfen Sie, aber fragen Sie vorher. Das alles zu erleben, war schon eine kleine Exkursion wert – und abends ist Hamburg auch sonst interessant. Ein blinder Guide, bei uns eine sehr sympathische, seit ihrer Geburt blinde Dame, die man aber infolge der totalen Dunkelheit leider nicht zu sehen bekam, führte die bis zu 9 Personen starken Gruppen durch die Finsternis, Mit den bekannten weißen Stöcken wurde die unterschiedlichen Bodenarten, Stufen und Kanten, mit den Händen aber auch alle möglichen Gegenstände, wie Marktstände, Fahrrad, Auto, Straßenlampe und anderes mehr erkundet. Unser(e) Guide beantwortete freimütig Fragen aus ihrem Leben. Das »Sehen«, aber auch Farben etc., sind ihr gänzlich unbekannt. Wir Sehende können uns Derartiges nicht vorstellen. So ist sie z.B. bei der Auswahl ihrer Kleidung, wie auch beim Einkauf im Supermarkt auf die Beratung Sehender angewiesen, auf hilfsbereite und vor allem ehrliche Helfer. Andererseits verfügte unsere Führerin über ein phantastisches Gehör und hatte unsere Namen sogleich mit unseren Stimmen verbunden und gespeichert, so dass sie uns gezielt mit unseren Vornamen ansprechen konnte. Eine schwache, für uns aber zunächst grell blendende Lampe am Ende des Rundganges brachte uns wieder in die Welt des Sehens zurück. Lobenswert war der gelungene Eintrag der jungen angehenden Meister in das Gästebuch. Übrigens, die Ausstellung ist als Dauer-Veranstaltung konzipiert.
Autor: Dipl.-Ing. Ulrich Voogdt