Ein Preis und seine Varianten
Der 10. Dezember ist in Stockholm stets ein besonderes Datum: Es ist der Todestag von Alfred Nobel und damit der Tag der alljährlichen Nobelpreisverleihung. Anlass für unsere Redaktion, der längst zur Institution gewordenen Veranstaltung und den daraus abgeleiteten Varianten Aufmerksamkeit zu schenken. Immerhin gab es unter den Preisträgern des sogenannten »Ig-Nobelpreises« Forscher, deren akademisches Interesse sich auf Akustisches richtete – zum Beispiel auf die Wirkung von Countrymusik.
Aus 1 mach 3
Angelehnt an den von Alfred Nobel ins Leben gerufenen Preis gibt es neben dieser klassischen Auszeichnung inzwischen 2 weitere Preisverleihungen: den alternativen Nobelpreis und den Ig-Nobelpreis.
Ein echter Publikumsrenner ist die jährliche Verleihung des »Ig-Nobelpreises« im Sanders-Theatre der Harvard Universität in Cambridge. Die Veranstaltung ist regelmäßig ausverkauft und soll den Oscars-Verleihungen an Popularität fast in nichts nachstehen. Die Abkürzung »Ig« steht für das englische »ignoble« und ist wörtlich mit »schändlich« oder »unwürdig« zu übersetzen. Der Preis wird seit 14 Jahren von einer Jury der Zeitschrift »Annals of Improbable Research (AIR)« vergeben, um Forschungsarbeiten auszuzeichnen, die auf den ersten Blick amüsante, auf den zweiten Blick jedoch nachdenkenswerte Ergebnisse liefern. Dieses Jahr wurden gleich zwei Auszeichnungen vergeben, die mehr oder weniger mit dem Thema Hören verbunden sind.
Von Countrymusik und Heringen …
Musik ist an sich eine schöne Sache, dass sie auch unerquickliche Folgen haben soll, hat nicht nur Wilhelm Busch bedichtet, dies zeigt auch das Ergebnis einer Untersuchung von Steven Stack und James Gundlach von der Wayne State Universität in Detroit. Beide erhielten den Ig-Nobelpreis für Medizin für Medizin für einen unter wissenschaftlichen Aspekten höchst ungewöhnlichen Forschungsgegenstand:
Ermittelt wurde ein Zusammenhang zwischen dem Genuss von Countrymusic und der Selbstmordrate. Es hatte sich erwiesen, dass sich Mitglieder der weißen Gesellschaft in den U.S.A. unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Lage, des Ehestandes oder der Verfügbarkeit von Waffen häufiger das Leben nehmen, wenn der Countrymusic-Anteil bei den lokalen Radiostationen hoch ist. Die Forscher erklären sich diesen Zusammenhang damit, dass die Texte dieser Musikrichtung oft von Themen wie Eheproblemen, Trunksucht oder Entfremdung von der Arbeit handeln – das wiederum fördere Selbstmordgedanken.
Die ungewöhnliche Kommunikation unter Heringen stand bei der Verleihung des Preises für Biologie im Mittelpunkt. Wie ein internationales Team von Meeresbiologen ermittelte, erfolgt die Heringsverständigung mittels Tönen, die sie durch Gasblasen aus ihrem »Hintern« erzeugen.
Während die Ausgezeichneten des von Nobel gestifteten Preises stets eingeladen sind, weder Anreise noch Hotelkosten zu ihren Lasten fallen, tragen die Preisträger von Harvard alle Kosten selbst. Hier ist des Forsches Lohn dem des Künstlers vergleichbar: Der Applaus ist sein Brot.
… und ganz seriös betrachtet:
Der jährlich vom schwedischen König im Stockholm verliehene Nobelpreis dürfte zusammen mit dem Nobelpreis des Friedens, der vom norwegischen König in Oslo verliehen wird, die höchste Ehrung für einen Wissenschafter darstellen.
Der Vater des Gedankens
Am 21. Oktober wurde Alfred Bernhard Nobel in Stockholm geboren. Auf eine vorbildliche Erziehung der Kinder hielt man, nachdem sich die zunächst schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie deutlich verbessert hatten, viel im Hause Nobel. Namhafte Privatlehrer unterrichteten Alfred und seine Brüder in Mathematik, Physik, Chemie, Literatur, Geschichte, Philosophie, Russisch, Französisch, Englisch und Deutsch.
Wie vom gehobenen Bürgertum gerne gepflegt, wurde auch Alfred Nobel auf eine Studienreise geschickt. Sie führte ihn nach Deutschland, Frankreich, Italien und in die U.S.A.
In Paris kam er erstmals in Kontakt mit der Erfindung des italienischen Wissenschaftlers Ascanio Sobrero – dem Nitroglycerin.
1860 meldet Nobel mit der Erfindung des Sprengöls sein erstes Patent an. Sprengöl besteht aus einer Mischung aus Wasser und Nitroglycerin.
Anekdoten am Rande
Das Herumhantieren mit dem hochexplosiven Stoff hatte schwerwiegende Folgen: Fünf Menschen kommen bei einer Explosion in Nobels Laboratorium ums Leben, darunter auch sein jüngerer Bruder Emil. Die Bitten seines älteren Bruders, doch mit dem Experimentieren besser aufzuhören, fanden kein Gehör.
Mit der Preis-Stiftung versuchte Nobel eine Art Versöhnung mit dem Schicksal: Denn es belastete ihn Zeit seines Lebens, dass die Ergebnisse seiner Forschungen im Krieg eingesetzt wurden.
Noch immer steht übrigens die Frage im Raum, wieso Nobel wohl keinen Preis für Mathematik ausgeschrieben hatte. Hier wird gerne die Mär kolportiert, Nobels Frau habe ihn einst mit einem Mathematiker betrogen. Dagegen spricht, dass Nobel nie verheiratet war. Allerdings hatte er eine amouröse Verbindung mit einer jungen Wienerin namens Sofie Heß. Nun wird besagtem Fräulein Heß nicht gerade die Tugend der Treue nachgesagt.
Sie soll bei ihren aushäusigen Eskapaden jedoch keiner bestimmten Berufsgruppe einen deutlichen Vorzug gegeben haben. Die Geschichte schildert die junge Dame vielmehr in Liebesdingen als derlei universell ausgerichtet, dass es nach obiger Theorie streng genommen gar keinen Nobelpreis geben dürfte. Einleuchtender erscheint dann schon die Begründung, Nobel habe die Mathematik als Hilfswissenschaft zu den anderen Disziplinen gesehen.
Der alternative Nobelpreis
Der »Right Livelihood Award«, auch unter dem Namen Alternativer Nobelpreis bekannt, wurde 1980 von Jakob von Uexküll ins Leben gerufen. Er war Philatelist, Journalist und Mitglied des Europäischen Parlaments. Den Preis stiftete er aus dem Erlös seines wertvollen Briefmarken-Bestandes. Mit Hilfe weiterer Spenden ist er heute mit rund 200’000 € dotiert.
Uexküll’s Standpunkt zum klassischen Nobelpreis ist kritisch. Seiner Auffassung nach wage man es nicht ausreichend, zu aktuellen Problemen Stellung zu beziehen und prämiere stattdessen Forschungsergebnisse, die meist jahrelang zurückliegen. Im Kontrast dazu stehen die Maßstäbe, die an einen Träger seines Preises angelegt werden. Verliehen wird er an Personen, Organisationen und Repräsentanten von Bewegungen, die sich mit praktischen Handlungsempfehlungen und Modellen für ein menschenwürdiges Leben eingesetzt haben.
Im Mittelpunkt stehen Ergebnisse, die mit minimalen Mitteln große Widerstände überwinden. Die aufgezeigten Lösungen sollen einer Vielzahl von Menschen Wege in eine lebenswerte Zukunft aufzeigen. Zugleich sollen die Ausgezeichneten Beispiel für andere sein und sie dazu ermutigen, konstruktiv und mutig unsere Zukunft mit zu gestalten.
So wurde dieses Jahr unter anderem Bianca Jagger (Ex-Frau des Rolling Stones Frontman Mick Jagger) mit dem auf rund 220’000 € dotierten Preis für ihr Engagement in sozialen Fragen und im Umweltschutz und die Abschaffung der Todesstrafe ausgezeichnet. Auch im Rahmen der Special Olympics zeigte sich Bianca Jagger engagiert und sprach bei der Eröffnungsfeier in Hamburg gemeinsam mit der Schwimmerin Agnes Wessalowski den olympischen Eid.
Autorin: Claudia Pukat