Nobel ist, was man draus macht (To be Insider in 10 Minute n)

Ein Preis und seine Varianten

Der 10. Dezember ist in Stockholm stets ein besonderes Datum: Es ist der Todestag von Alfred Nobel und damit der Tag der alljährlichen Nobelpreisverleihung. Anlass für unsere Redaktion, der längst zur Institution gewordenen Veranstaltung und den daraus abgeleiteten Varianten Aufmerksamkeit zu schenken. Immerhin gab es unter den Preisträgern des sogenannten »Ig-Nobelpreises« Forscher, deren akademisches Interesse sich auf Akustisches richtete – zum Beispiel auf die Wirkung von Countrymusik.

Aus 1 mach 3

Angelehnt an den von Alfred Nobel ins Leben gerufenen Preis gibt es neben dieser klassischen Auszeichnung inzwischen 2 weitere Preisverleihungen: den alternativen Nobelpreis und den Ig-Nobelpreis.

Ein echter Publikumsrenner ist die jährliche Verleihung des »Ig-Nobelpreises« im Sanders-Theatre der Harvard Universität in Cambridge. Die Veranstaltung ist regelmäßig ausverkauft und soll den Oscars-Verleihungen an Popularität fast in nichts nachstehen. Die Abkürzung »Ig« steht für das englische »ignoble« und ist wörtlich mit »schändlich« oder »unwürdig« zu übersetzen. Der Preis wird seit 14 Jahren von einer Jury der Zeitschrift »Annals of Improbable Research (AIR)« vergeben, um Forschungsarbeiten auszuzeichnen, die auf den ersten Blick amüsante, auf den zweiten Blick jedoch nachdenkenswerte Ergebnisse liefern. Dieses Jahr wurden gleich zwei Auszeichnungen vergeben, die mehr oder weniger mit dem Thema Hören verbunden sind.

Von Countrymusik und Heringen …

Musik ist an sich eine schöne Sache, dass sie auch unerquickliche Folgen haben soll, hat nicht nur Wilhelm Busch bedichtet, dies zeigt auch das Ergebnis einer Untersuchung von Steven Stack und James Gundlach von der Wayne State Universität in Detroit. Beide erhielten den Ig-Nobelpreis für Medizin für Medizin für einen unter wissenschaftlichen Aspekten höchst ungewöhnlichen Forschungsgegenstand:

Ermittelt wurde ein Zusammenhang zwischen dem Genuss von Countrymusic und der Selbstmordrate. Es hatte sich erwiesen, dass sich Mitglieder der weißen Gesellschaft in den U.S.A. unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Lage, des Ehestandes oder der Verfügbarkeit von Waffen häufiger das Leben nehmen, wenn der Countrymusic-Anteil bei den lokalen Radiostationen hoch ist. Die Forscher erklären sich diesen Zusammenhang damit, dass die Texte dieser Musikrichtung oft von Themen wie Eheproblemen, Trunksucht oder Entfremdung von der Arbeit handeln – das wiederum fördere Selbstmordgedanken.

Die ungewöhnliche Kommunikation unter Heringen stand bei der Verleihung des Preises für Biologie im Mittelpunkt. Wie ein internationales Team von Meeresbiologen ermittelte, erfolgt die Heringsverständigung mittels Tönen, die sie durch Gasblasen aus ihrem »Hintern« erzeugen.

Während die Ausgezeichneten des von Nobel gestifteten Preises stets eingeladen sind, weder Anreise noch Hotelkosten zu ihren Lasten fallen, tragen die Preisträger von Harvard alle Kosten selbst. Hier ist des Forsches Lohn dem des Künstlers vergleichbar: Der Applaus ist sein Brot.

… und ganz seriös betrachtet:

Der jährlich vom schwedischen König im Stockholm verliehene Nobelpreis dürfte zusammen mit dem Nobelpreis des Friedens, der vom norwegischen König in Oslo verliehen wird, die höchste Ehrung für einen Wissenschafter darstellen.

Der Vater des Gedankens

Am 21. Oktober wurde Alfred Bernhard Nobel in Stockholm geboren. Auf eine vorbildliche Erziehung der Kinder hielt man, nachdem sich die zunächst schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie deutlich verbessert hatten, viel im Hause Nobel. Namhafte Privatlehrer unterrichteten Alfred und seine Brüder in Mathematik, Physik, Chemie, Literatur, Geschichte, Philosophie, Russisch, Französisch, Englisch und Deutsch.
Wie vom gehobenen Bürgertum gerne gepflegt, wurde auch Alfred Nobel auf eine Studienreise geschickt. Sie führte ihn nach Deutschland, Frankreich, Italien und in die U.S.A.
In Paris kam er erstmals in Kontakt mit der Erfindung des italienischen Wissenschaftlers Ascanio Sobrero – dem Nitroglycerin.
1860 meldet Nobel mit der Erfindung des Sprengöls sein erstes Patent an. Sprengöl besteht aus einer Mischung aus Wasser und Nitroglycerin.

Anekdoten am Rande

Das Herumhantieren mit dem hochexplosiven Stoff hatte schwerwiegende Folgen: Fünf Menschen kommen bei einer Explosion in Nobels Laboratorium ums Leben, darunter auch sein jüngerer Bruder Emil. Die Bitten seines älteren Bruders, doch mit dem Experimentieren besser aufzuhören, fanden kein Gehör.
Mit der Preis-Stiftung versuchte Nobel eine Art Versöhnung mit dem Schicksal: Denn es belastete ihn Zeit seines Lebens, dass die Ergebnisse seiner Forschungen im Krieg eingesetzt wurden.
Noch immer steht übrigens die Frage im Raum, wieso Nobel wohl keinen Preis für Mathematik ausgeschrieben hatte. Hier wird gerne die Mär kolportiert, Nobels Frau habe ihn einst mit einem Mathematiker betrogen. Dagegen spricht, dass Nobel nie verheiratet war. Allerdings hatte er eine amouröse Verbindung mit einer jungen Wienerin namens Sofie Heß. Nun wird besagtem Fräulein Heß nicht gerade die Tugend der Treue nachgesagt.
Sie soll bei ihren aushäusigen Eskapaden jedoch keiner bestimmten Berufsgruppe einen deutlichen Vorzug gegeben haben. Die Geschichte schildert die junge Dame vielmehr in Liebesdingen als derlei universell ausgerichtet, dass es nach obiger Theorie streng genommen gar keinen Nobelpreis geben dürfte. Einleuchtender erscheint dann schon die Begründung, Nobel habe die Mathematik als Hilfswissenschaft zu den anderen Disziplinen gesehen.

Der alternative Nobelpreis

Der »Right Livelihood Award«, auch unter dem Namen Alternativer Nobelpreis bekannt, wurde 1980 von Jakob von Uexküll ins Leben gerufen. Er war Philatelist, Journalist und Mitglied des Europäischen Parlaments. Den Preis stiftete er aus dem Erlös seines wertvollen Briefmarken-Bestandes. Mit Hilfe weiterer Spenden ist er heute mit rund 200’000 € dotiert.
Uexküll’s Standpunkt zum klassischen Nobelpreis ist kritisch. Seiner Auffassung nach wage man es nicht ausreichend, zu aktuellen Problemen Stellung zu beziehen und prämiere stattdessen Forschungsergebnisse, die meist jahrelang zurückliegen. Im Kontrast dazu stehen die Maßstäbe, die an einen Träger seines Preises angelegt werden. Verliehen wird er an Personen, Organisationen und Repräsentanten von Bewegungen, die sich mit praktischen Handlungsempfehlungen und Modellen für ein menschenwürdiges Leben eingesetzt haben.
Im Mittelpunkt stehen Ergebnisse, die mit minimalen Mitteln große Widerstände überwinden. Die aufgezeigten Lösungen sollen einer Vielzahl von Menschen Wege in eine lebenswerte Zukunft aufzeigen. Zugleich sollen die Ausgezeichneten Beispiel für andere sein und sie dazu ermutigen, konstruktiv und mutig unsere Zukunft mit zu gestalten.
So wurde dieses Jahr unter anderem Bianca Jagger (Ex-Frau des Rolling Stones Frontman Mick Jagger) mit dem auf rund 220’000 € dotierten Preis für ihr Engagement in sozialen Fragen und im Umweltschutz und die Abschaffung der Todesstrafe ausgezeichnet. Auch im Rahmen der Special Olympics zeigte sich Bianca Jagger engagiert und sprach bei der Eröffnungsfeier in Hamburg gemeinsam mit der Schwimmerin Agnes Wessalowski den olympischen Eid.

Autorin: Claudia Pukat

 

 

Gehörschutz-Info (To be Insider in 1 Minute)

Wissenswertes über Lärm, dessen Auswirkungen und passenden maßgefertigten Gehörschutz hat die Firma Bachmaier® in einer ästhetisch und übersichtlich gestalteten Broschüre herausgebracht. Die am häufigsten gestellten Fragen von Akustikern, Endverbraucher und Sicherheitsbeauftragten sind darin in verständlicher Form pro Seite angehängt. Zudem wird der neue, patentierte Gehörschutz Clear-Sound vorgestellt.
Weitere Informationen im
Internet bei www.bachmaier.de oder
Bachmaier Otoplastik und Labortechnik
Im Reichlfeld 4
D-83486 Ramsau
Telefon +49 (86 57) 98 38 31.

Autor: zg

 

Maria da Palma und das Wunder von Nordhorn (To be Insider in 10 Minute n)

Das außergewöhnliche Engagement einer Hörgeschädigten

Maria Almeida Casimiro da Palma Casqueiro ist bekannt. In Nordhorn zumindest kennt sie fast jeder – aus ihrer Zeit beim Betriebsrat der Textil- Fabrik Nino, als engagierte Frau, die sich stark macht für allein erziehende Mütter, für ausländische Familien oder die Schulen der Kommune, und die deshalb sogar ein Bundesverdienstkreuz bekam.

Unser Autor Martin Schaarschmidt traf Maria da Palma und notierte die Geschichte einer außergewöhnlichen Frau, die einst aus Portugal nach Deutschland kam und drei Jahrzehnte lang mit Hörproblemen lebte – eine Geschichte mit Happy End.

»Wir waren eine große Familie damals in Almada«, erzählt Maria da Palma und lächelt: »Mein Vater arbeitete in der Backfabrik ›Confeitaria Nacional‹. Mutter war mit mir und meinen vier Brüdern zu Hause. Ein einfaches Leben. Wir mussten nicht hungern. Aber wir waren arm – und trotzdem glücklich.«

Gerne erinnert sich die heute 60-jährige an ihre Kindheit in der kleinen Hafenstadt nahe Lissabon: »Of spielten wir am Meer, sammelten Austern und Krebse, badeten und tobten. Als kleines Mädchen mit vier wilden Brüdern hatte ich es nicht immer leicht. Die Jungen fingen mich gern. Sie trugen mich an Händen und Füßen und dann – 1, 2, 3 – im hohen Bogen ins Wasser… Das machte mir Spaß bis zu dem Tag, als das mit meinem Ohr passierte.

Stürzend schlug das Mädchen so unglücklich auf eine Welle, dass es sich ernsthaft verletzte. »Mein rechtes Ohr schmerzte. Ich musste zum Arzt. Doch in Portugal gab es damals keine weitergehende Diagnostik oder Therapie. Meiner Mutter blieb nur, mich zu trösten und mir Wärmflaschen aufzulegen. Bald begann mein Hörvermögen rechts deutlich nachzulassen. Insgesamt quälte mich diese Mittelohr-Entzündung 10 Jahre, eine unglaublich lange Zeit.«

Maria da Palma lernte, mit einem Handicap zu leben. Als junge Frau machte sie eine Lehre als Herrenschneiderin. Sie verliebte sich, heiratete und folgte bald darauf ihrem Mann nach Deutschland, wo es gut bezahlte Arbeit gab und wo man händeringend qualifizierte Arbeitskräfte suchte.

»An unsere Ankunft erinnere ich mich, als wäre es heute: Der 17. Februar 1966. Wir standen in Köln auf dem Bahnsteig. Es war bitterkalt. Auf einmal waren wir umringt von verkleideten Menschen. Die sangen laut, griffen sich unsere Koffer und marschierten mit uns durch den Bahnhof. Ich wusste nicht, wie mir geschah, verstand kein Wort. Wir hatten doch keine Ahnung, wie es hier beim Karneval ist…«

Deutschland war fremd und die Eingewöhnungszeit hart. Die Familie wohnte in einem Vorort von Nordhorn. Maria da Palma fand eine Anstellung in der Textilfabrik Nino. Sie verdiente gut. Doch die gelernte Schneiderin litt unter der eintönigen Akkord-Arbeit in der Spulerei, und wenn sie früh mit dem Bus zur Fabrik fuhr, war es dunkel und kalt. – »Immer Regen oder Schnee. Ich hatte nie zuvor Schnee gesehen. Und dann erst das deutsche Essen. Das schmeckte überhaupt nicht. Und portugiesisch kochen konnte ich nicht, weil die Gewürze fehlten. Im Laden bekam man damals nur Paprika, Pfeffer und Salz.«

Sie arrangierte sich dennoch: Trotz der fortschreitenden Schwerhörigkeit und ganz ohne Unterricht lernte Maria da Palma die neue Sprache, wo immer es ging. – »Deutsch reden mit Nachbarn, in der Fabrik, auf der Straße, das war meine Rettung. Auf die Leute zugehen. Uns Portugiesen liegt das im Blut. Bald fielen meine Sprachkenntnisse in der Firma auf. Ich bekam neue Aufgaben, übersetzte, betreute die portugiesischen Arbeiter, erklärte ihnen, wie man Textilien färbt, Chemikalien verwendet oder die Maschinen einrichtet.«

Schritt für Schritt errang die junge Frau ihren Platz in der neuen Heimat. Ein Sohn und drei Töchter kamen zur Welt. Die Familie zog in die Stadt. Die Kinder kamen in Kindergarten und Schule. Und Frau da Palma engagierte sich vielfältig, vertrat im Elternrat die Interessen der portugiesischen Eltern, genoss das Vertrauen der Arbeiter, die sie 1974 in ihren Betriebsrat wählten – als einzige Frau neben 26 Männern.

Die Leute von Nino kamen gern zu ihr – bei Schwierigkeiten mit dem Meister, bei Fragen zum Urlaubsrecht oder zu Möglichkeiten einer Qualifizierung. Anwaltskanzlei, Sozialgericht, der undurchschaubare Blätterwald der Anträge und Formulare… – wer nicht weiter wusste, wusste immer noch, dass es Maria gibt. Sie half Frauen mit kleinen Kindern, portugiesischen Arbeitern, die kaum Deutsch sprachen, und ebenso den Deutschen. Sie wurde Sozialarbeiterin, Ratgeberin und Vertrauensperson; blieb das auch nach Feierabend, am Wochenende – und immer ehrenamtlich, »so nebenbei.«

»Wenn jemand in Not ist, muss ich helfen, so gut ich kann. Und Ungerechtigkeit ist für mich unerträglich«, erklärt Maria da Palma ein wenig verlegen, wenn man sie auf ihr Bundesverdienstkreuz anspricht. Das bekam sie 1990 für ihr »langjähriges Engagement bei der Integration ausländischer Mitbürger in die deutsche Gesellschaft.«

»Eines Tages lag der Brief vom Bundespräsidialamt in meinem Kasten. Stellen Sie sich vor: Da fuhr ich nach Bonn, ging einfach so in die Villa Hammerschmidt, an den Soldaten vorbei, und war mitten unter all diesen Leuten: Wissenschaftler, Schauspieler, Tänzer; Wim Wenders war da und. der Verleger Klaus Wagenbach. Ich wurde ganz klein, als mein Name aufgerufen wurde und ich nach vorne zu Richard von Weizsäcker musste.«

Doch wichtiger als alle Ehre ist es für Maria da Palma, die Welt um sich herum mit zu gestalten. Auch heute noch, nach ihrem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben, engagiert sie sich im autonomen Frauenkreis, in der Kommunalpolitik, am runden Tisch für Ausländerfragen. Sie macht sich stark für neue Schulräume, für ausländische Frauen, Asylbewerber. Und ihr Einsatz erstaunt umso mehr, wenn man weiß, wie sehr die Hörschädigung ihr Leben seit drei Jahrzehnten beeinträchtigte.

»Mein Gehör hat sich all die Jahre immer mehr verschlechtert. Ich war bei Ärzten, sogar in einer Universitätsklinik. Aber die konnten nichts machen. Ich verstand immer weniger, musste nachfragen und die anderen bitten, lauter zu sprechen. Irgendwann hörte ich rechts gar nicht mehr. Auch Hörgeräte waren keine Lösung. Ich probierte die tollsten Geräte und war absolut unzufrieden. Die saßen ja nicht mal, fielen beim Kauen heraus. Da blieb ich weiter halbtaub.«

Die Hörschädigung belastete ihre tägliche Arbeit. – »Und sie störte das Leben in unserer Familie«, ergänzt Maria da Palma: »Wissen Sie, ich habe sechs Enkelkinder. Es ist so schlimm, wenn man seine Enkel nicht richtig verstehen kann! Das ist, als wäre man vom Leben abgeschnitten.«

Aber den Kopf in den Sand stecken? – Für Maria da Palma galt das noch nie! Vor einigen Monaten las sie in den »Grafschafter Nachrichten« von einer neuen Technologie, die Hörgeräte-Hersteller GN ReSound zur Fertigung von ImOhr-Hörsystemen entwickelt hat. Und wirklich: Dank dieser Technologie zur digitalen Fertigung von Hörgeräte-Schalen konnten die Spezialisten von Hörgeräte Steenweg in Nordhorn ihr endlich zu einer akzeptablen Hör-Lösung verhelfen.

»Frau da Palma bekam von uns ImOhr-Hörsysteme der Marke Canta 7. Die sind so winzig, dass sie fast vollständig im Ohr verschwinden«, erläuet auf Nachfrage Hörgerate-Akustiker – Meisterin Stefanie Steenweg: »Für die Fertigung solcher Systeme, die man in unserem Haus auch kostenlos testen kann, nehmen wir individuelle Abdrücke des Gehörgangs. Aus denen stellt GN ReSound die Gehäuseschalen her.«

Die sogenannte AutoShell-Technologie ermöglicht erstmals, ImOhr- Hörsysteme vollständig am Computer zu gestalten. Die Abdrücke werden Punkt für Punkt virtualisiert. Mit einem speziellen 3D-Drucker werden die Gehäuse erzeugt. Ein Verfahren, das dem Hörgeschädigten einen optimalen Sitz der Hörsysteme garantiert.

»Erst fürchtete ich, dass die neuen Systeme auch gleich wieder rausfallen; aber schon nach einer Woche war ich so an sie gewöhnt, dass mir was fehlte, wenn ich sie nicht im Ohr hatte«, berichtet Maria da Palma: »Es ist ein Wunder. Nach über 30 Jahren kann ich wieder richtig hören. Ich kann mit meinen Enkeln plauschen oder Musik genießen. Ich liebe Fado, diese wunderschöne portugiesische Nationalmusik. Und erst meine soziale Arbeit! Ich kann diskutieren wie nie zuvor. Und ich habe mit meinen Hörsystemen noch so viel vor.«

Autor: Martin Schaarschmidt

 

 

 

Lesen als wunderbares Hörerlebnis (To be Insider in 5 Minute n)

Neuerscheinungen
& Für Sie gelesen

Armin Mueller-Stahl, »Hannah«, Aufbau-Verlag, 2004, Gebunden mit Schutzumschlag, 134 Seiten, ISBN 3-351- 03024-X, 16 €
Armin Mueller-Stahl liest »Hannah«, Autorenlesung, Der Audio Verlag, 2004, 3 CD´s, 195 Min., ISBN 3-89813-295-1, 22,95 € (unverbindliche Preisempfehlung)
Zu beziehen über den Buchvertrieb des Median-Verlages. Von dem Buch ist im Übrigen eine limitierte Vorzugsausgabe mit einer Original-Lithographie des Autors (nummeriert und signiert, ISBN 3-351-03025-8) erschienen, ebenfalls beim Median-Verlag erhältlich.
»Hannah« ist ein besonderes Buch, das man liest und dabei hört und horcht, denn hier wird Print zum Klangerlebnis. Den Autor kennt jeder: Armin Mueller-Stahl, geboren 1930, grandioser Schauspieler, aber auch ausgebildeter Konzertgeiger, Maler und nicht zuletzt Schriftsteller.
In »Hannah« erzählt er davon, wie Herrmann seinen Jugendfreund Arnold nach Jahren in einem Luxushotel wiedersieht. Nicht zufällig, sie sind verabredet. In zahlreichen Episoden – Rückblenden sowie Passagen der Reflexion – wird die Geschichte dieser von einem Geheimnis überschatteten Freundschaft geschildert und ein Geflecht von Beziehungen entwirrt. Beteiligt sind Hermann, seine Frau, ihre gemeinsame Tochter Hannah sowie Arnold, allein stehend und von entscheidender Bedeutung. Hannah, eine begnadete Geigerin, steht im Mittelpunkt, und sie scheint präsent zu sein durch ihre Musik, die mal laut, mal leise aus dem Kassettenrekorder ertönt. Das Ende: eine lange verborgene Wahrheit, ein tragisches Unglück, Freundschaft über den Tod hinaus.
Nicht nur das virtuose Violinenspiel Hannah´s wird wahrnehmbar. Fast alles wird Klang oder Geräusch. Die Worte sind schlicht, zurückhaltend und ohne überflüssiges Drumherum, man kann sie hören: Hefte werden unter Bücher geschoben, Kassetten auf den Tisch gelegt, die Gardine wird vor das Fenster gezogen, der Wecker klingelt, Geschirr klappert, jemand erhebt sich schwerfällig, es wird tief geatmet. Oder zum Beispiel die akustische Szenerie während eines gemeinsamen Aufenthaltes von Vater und Tochter in Marokko. Beide verlassen nach einem Konzertbesuch den Ort der Veranstaltung. Es regnet, Hannah lacht, eine Trauergemeinde zieht vorbei, Trauerglocken ertönen, gleichzeitig eine Militärkapelle: »… nach Brahms‘ 4. nun diese Kapelle, die von sauberen Tönen nichts hält..!« Und natürlich immer wieder die Musik aus dem Rekorder…
Lesen als wunderbares Hörerlebnis, ein Buch, melancholisch und spannend zugleich!
Und wer lieber die modernere Variante Hörbuch versuchen und die CD einlegen möchte: Sie ist ebenfalls erhältlich, und dort ist es vor allem die fesselnde Stimme und Ausdruckskraft des Autors selbst, die einen nicht mehr loslässt.
Autorin: Kyra Schiffke

 

 

Von der EUHA-Landestagung und -Fachseminar (To be Insider in 45 Minute n)

Im Jahr 2005 hielt sich der Winter hartnäckig und lieferte immer wieder neuen Schnee. Trotzdem hat sich die Berichterstatterin in die schöne Stadt Dresden aufgemacht, um das Fachseminar der Europäischen Union der Hörakustiker e.V. (EUHA) und die Landestagung zu besuchen.

Seminar-Start…

Das Fachseminar begann am Freitag mit einer kurzen Begrüßung der Teilnehmer durch Dr. Bernd Hähle. Anschließend folgte der Vortrag von Andreas Kahlen zum Thema »Dynamikanpassung bei digitalen Geräten mit Hilfe von Messsystemen«, den Acousticon und Pro Akustik gemeinsam ausgearbeitet haben. Hierbei ging es um die Messung der tatsächlichen Eigenschaften moderner Hörsysteme, die sich ebenfalls nach der Regel: Frequenzanpassung plus Dynamikanpassung einstellen lassen. Dazu sind aber andere Messsignale erforderlich. Zunächst verglich Kahlen verschiedene Anpassregeln miteinander, wobei er mit den linearen Verfahren begann, die hauptsächlich eine Frequenzanpassung durchführen. Die auf einem Musterhörverlust basierende Berechnung der Zielwerte zeigte deutliche Unterschiede, bei der Verstärkung z.B. 16 – 20 dB. Als nächstes kam er auf die Dynamikanpassung zu sprechen, die ja nach dem Sprachaudiogramm durchgeführt wird. Der Nachteil ist, dass das Sprachaudiogramm nicht Frequenz korrigiert angeboten wird und bei Hochtonverlusten eine Aufwärtsmaskierung der hohen Frequenzen durch die Tiefen eintritt. Auch hier ging der Referent auf 4 verschiedene Verfahren zur Dynamikanpassung ein und stellte die Unterschiede im Hinblick auf das optimale Sprachverstehen und die angenehme Lautstärke dar. Zur Überprüfung der Anpassung ist ein geeignetes Messsignal erforderlich, das sich durch folgende Eigenschaften auszeichnen sollte: genormt, leicht erstellbar, schnelle Durchführung der Messung, keine Pegelschwankungen und Abdeckung des Frequenzbereiches von 80 Hz – 12´000 Hertz. Außerdem sollte es für die digitale Schaltung nicht als Störgeräusch erkennbar sein. Ein Vergleich der verschiedenen Messsignale zeigte, dass kein Signal alle Anforderungen erfüllt. Je kürzer das Signal ist, desto breiter wird das Quantisierungsrauschen, während das Hörgerät bei einem längeren Signal Zeit hat, seine Übertragung entsprechend anzupassen. Die von den Herstellen speziell für ihre Hörgeräte entwickelten Anpassverfahren liefern sehr unterschiedliche Übertragungseigenschaften. Hinzu kommt noch, dass die in den Anpassmodulen gezeigten Diagramme nicht immer die tatsächlichen Kurven der Hörsysteme repräsentieren.
Aus den vorgenannten Gründen ist es wichtig, Hörgeräte zu messen und so die tatsächliche Arbeitsweise sichtbar zu machen. Nur so kann der Akustiker überprüfen, was tatsächlich am Kundenohr ankommt. Kahlen schloss seinen Vortrag mit dem Hinweis »Glaube nur der eigenen Messung.« Im Anschluss daran hatten die Teilnehmer bis zur Mittagspause Gelegenheit, die mitgebrachten Hörgeräte an den ACAM®-Systemen zu messen, mit den Musteraudiogrammen verschiedene Anpassungen durchzuspielen und die Kurven mit den Darstellungen in den Anpassmodulen zu vergleichen.

Nach der Mittagspause ging es dann weiter mit dem Vortrag »Modernste Kommunikationssysteme in der Praxis«. Hier stellte Alexander von Kameke verschiedene Funkanlagen der Firma Phonak vor und gab den Teilnehmern die Möglichkeit, sie auch zu testen. Die Hauptanwendung dieser Anlagen ist in der Schule. Aber auch Erwachsene können im Beruf so wie in der Freizeit davon profitieren. Als erstes stellte von Kameke den Multifunktionssender SmartLink™ vor, einen digitalen FM-Sender mit digitalem Funkmikrofon und integriert in die Fernsteuerung des Hörgerätes, SmartLink™ arbeitet auch mit Bluetooth® zusammen. Bis zu 40 Frequenzen stehen zur Verfügung, und die Frequenzsynchronisation erfolgt automatisch. Die Bluetooth®-Technologie im SmartLink™ hat die Funktion einer Freisprecheinrichtung, so dass der Anwender komplett über SmartLink™ telefonieren kann, ohne das Telefon bedienen zu müssen. Weitere Sender sind der Campus S für den Schulbereich, der sich durch eine einfache Bedienung und eine hohe Frequenzflexibilität auszeichnet und der TelCom für Telefon, HiFi-Anlage und Fernseher. Der WallPilot programmiert automatisch alle Empfänger der Personen, die an ihm vorbeigehen, auf eine einheitliche Frequenz. Wird er vor die Klassentür gehängt, stellt er die Empfänger der Schüler automatisch auf die Klassenfrequenz ein. Die Empfänger sind: MLxS und ML9S (für Savia), MicroLink S mit Synthesizer und EduLink, ein FM-Empfänger für Menschen mit auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungs-Störungen, geringgradige Hörstörungen oder als Alternative zu CROS. Nach dieser Einführung in die FM-Produkte der Firma Phonak hatten die Zuhörer Gelegenheit, mit SmartLink™ und Kopfhörer die verschiedenen im Vortrag vorgestellten Situationen durchzuspielen.

Das nächste Referat hielt Kornelia Dietrich von der Firma Oticon. Hier ging es um das Thema »COW – Kinder und Kuppler: Ein holistisches Konzept zur Kinderversorgung«. Hinter COW verbirgt sich ein Fragebogensystem für die Pädakustik, das analog zu dem für Erwachsene vorgesehenen COSI aufgebaut ist. COW wurde von Pädaudiologen und Forschern der Universität von Ohio und dem Kinderkrankenhaus in Indianapolis für Kinder von 4 – 12 Jahren entwickelt. COW findet sich in Genie unter Kundenprofil und berücksichtigt neben den Anforderungen eines Kindes an ein Hörsystem auch die Wünsche der Eltern und Lehrer. So kann der Akustiker Bewertungen von verschiedenen Seiten vornehmen und wie in COSI auch Prioritäten festlegen. Das Audiogramm wird, falls vorhanden, aus NOAH importiert. Die Eingabe des Kindesalters bewirkt eine Korrektur der Audiogramm- und RECD-Werte sowie eine automatische Vent-Berechnung bei Kindern unter 6 Monaten und hinterlegt diese. Für die erforderlichen Messungen der OEG, REUR, Gehörgangsresonanz und der RECD steht das neue Messsystem von MAICO Affinity zur Verfügung. Eine Studie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zeigte, dass bei Kindern ohne RECD eine deutliche Überversorgung um bis zu 30 dB SPL erfolgte. Deshalb sollte bei Kindern, aber auch bei Erwachsenen mit kleinen Gehörgängen RECD immer genutzt werden. Die Anpassung kann z.B. mit DSL i/o erfolgen. In weiteren Sitzungen muss das Kind beobachtet und hierbei auch die Hörbahnreifung und Hörbahnreizung berücksichtigt werden. Für das Hörtraining stehen kindgerechte Soundbeispiele in verschiedenen Kategorien zur Verfügung. Schließlich wird auch anhand des Fragebogens der Hörerfolg beurteilt.

Den Abschluss des Fachseminars bildete ein Vortrag der Firma Widex zum Thema »Pädiatrische Anpassmessungen mit der Software und die Anwendung des Sensogramms in der Kinderversorgung« und wurde von Monika Baumann gehalten. Kinderohren sind deutlich kleiner als Erwachsenenohren, so dass sich die Gehörgangsresonanz zu höheren Frequenzen hin verschiebt. Erst mit dem 5. Lebensjahr ist dieser Unterschied ausgeglichen. Dies gilt auch für die RECD, wobei die Differenz zusätzlich noch sehr stark Frequenz abhängig ist. Alle Messsysteme sind aber für die Ohren der Erwachsenen kalibriert. Erwachsene und Kinder mit gleichem Hörverlust haben, am Trommelfell gemessen, identische dB SPL-Werte (Real Ear SPL). Aber die mit dem Audiometer ermittelten Werte in dB HL spiegeln diese Tatsache nicht wider. Nur mit dem EAT (Equivalent Adult Threshold) lässt sich die Hörschwelle eines Kindes korrekt beschreiben. Der EAT gibt die vergleichbare Hörschwelle eines Erwachsenen an, und auf dieser Basis kann eine Zielverstärkung berechnet werden. Mithilfe der RECD erfolgt dann eine Korrektur der Ausgangspegelwerte. Dazu können in Compass hinterlegte altersabhängige RECD-Werte und gemessene individuelle Werte (IRECD) eingegeben und gespeichert werden. Das Problem ist die exakte Hörschwellen-Bestimmung bei sehr kleinen Kinder. Als objektive Messungen stehen die Click- und die Notched-Noise – BERA zur Verfügung, die aber über die für Kinderohren viel zu großen Kopfhörer durchgeführt werden. Für die subjektive Hörschwellen-Bestimmung bei sehr kleinen Kindern ohne zusätzliche Behinderungen steht die visuell konditionierte Ablenk-Audiometrie zur Verfügung, die ab dem 6. Lebensmonat anwendbar ist. Anstelle der Messung mit Einsteckhörer bietet sich das Sensogramm an, das ebenfalls ab dem 6./7. Lebensmonat eingesetzt werden kann. Hierbei ist eine Berechnung der EAT nicht mehr erforderlich. Zum Schluss verdeutlichte Frau Baumann an einem Beispiel aus der Praxis die Vorteile des Sensogramms in der Kinderanpassung.

… und nun die Landestagung Ost

Am nächsten Tag fand die Landestagung statt. Nach der Begrüßung durch den Tagungsleiter Dr. Bernd Hähle begann StD Eckhard Schroeder mit dem Vortrag »Harmonisierung der Hörakustik – Ausbildung in Europa«. Auf dem EU-Gipfel in Lissabon im Jahr 2000 wurden Schritte zu einem europäischen Bildungsraum beschlossen. Das Ziel war, bis 2010 den wettbewerbfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu schaffen. Es folgten verschiedene Folgebeschlüsse und eine Richtlinie zur Anerkennung von Berufsqualifikationen, zur Dienstleistungs- und zur Niederlassungs-Freiheit. Davon ist auch der Akustiker betroffen. Für die Anerkennung von Berufsqualifikationen wurden verschiedene Niveaustufen definiert, angefangen vom Befähigungs-Nachweis bis hin zu einem Hochschul-Abschluss. Der deutsche Abschluss mit Gesellen- und Meisterprüfung liegt etwa in der Mitte dieser Stufen. Das EU-Projekt Leonardo Da Vinci definiert und beschreibt den Beruf, legt die Mindestanforderungen für eine Ausbildung in der Hörgeräte-Akustik fest und analysiert die nationalen Bildungsgänge. Da die Ausbildung zum Akustiker in anderen Ländern ein Hochschulstudium ist, ist die theoretische Ausbildung umfangreicher. Dafür kommt aus deutscher Sicht die Praxis zu kurz. Bereiche, welche die deutsche Ausbildung noch nicht abdeckt, werden angepasst. Akustiker, welche die Kriterien erfüllen, erhalten ein europäisches Diplom. Für fertige Akustiker bedeutet dies, dass der Markt offener wird. Die Akademie für Hörakustik (afh) will ein System anbieten für alle, die sich nachqualifizieren möchten. Am Schluss dieses Vortrags erinnerte Dr. Hähle an die Zeit in Deutschland nach der Wende und wie gut die Qualifizierung der aus den neuen Bundesländern stammenden Kliniker zu Hörakustikern funktioniert hat.

Als nächstes hielt Günter Simon von der Handwerkskammer Kassel den Vortrag »Festbetragssenkung – was nun? Eine betriebswirtschaftliche Betrachtung«. Der Festbetrag der Gruppe 3 wurde um 17 % gesenkt. Das bedeutet für den Hörakustiker eine Umsatzeinbuße von 5 %, wenn die Kassenleistung ein Drittel des Gesamtumsatzes ausmacht. Planung und Kontrolle müssen als Instrumente besserer Betriebssteuerung dienen. Simon zeigte eine Beispielrechnung für die Entwicklung des Eigenkapitals. Er hob die Bedeutung der variablen und Fixkosten hervor. Als Unternehmensziele definierte er Wirtschaftlichkeit, Gewinnrentabilität und Liquidität. Die Rentabilität wird durch Umsatz, Kosten und Kapital beeinflusst. Aufschlussreich ist die Break-Even-Point – Analyse. In diesem Diagramm werden die Entwicklung der Erlöse und die Fixkosten über das Jahr dargestellt. Der Punkt, an dem sich beide Geraden schneiden, ist der Break-Even-Point, ab dem erst ein Gewinn erwirtschaftet wird. Verringern sich die Erlöse, wandert der Break-Even-Point immer weiter zum Jahresende hin. Sinkende Festbeträge führen zu höheren Wareneinsatzquoten und damit zu steigenden variablen Kosten. Die Folge davon ist eine geringere Gewinnschwelle. Der Referent führte weitere Bespiele für die Break-Even-Point – Analyse an und gab zusätzlich einen Überblick über die Zusammensetzung der Lohnkosten und den Lohnumsatz der Mitarbeiter. Als Ausblick in die Zukunft nannte er verstärktes unternehmerisches Denken und Handeln.

Dr. Edgar Friederichs aus Heiligenstadt stellte in seinem Vortrag »Hörverarbeitungs-Störungen AVWS im Schulalltag: Ergebnisse einer einjährigen therapeutischen Intervention mit einer FM-Anlage bei Kindern mit AVWS« seine Ergebnisse vor. Unser Gehör kann aus einer Informationsflut die für den Betroffenen wichtigen Dinge herausfiltern, wobei für jeden Kulturbereich andere Fähigkeiten entwickelt werden. Kinder, die an einer so genannten auditiven Aufmerksamkeits-Störung leiden, zeigen unaufmerksames sowie mangelndes Planungs- und Organisations-Verhalten in Anforderungssituationen. Es besteht noch keine Einigkeit über die Diagnostik und Therapie dieser Kinder. Eine Hilfestellung kann die Verwendung von FM-Anlagen im Unterricht darstellen. Dr. Friederichs stellte die Ergebnisse einer Studie vor, die über den Zeitraum eines Jahres (2003/2004) durchgeführt wurde. Zehn Patienten, die an AVWS litten, erhielten FM-Anlagen. Zum Vergleich diente eine alters- und geschlechtsspezifische Kontrollgruppe ebenfalls mit AVWS, die aber keine FM-Anlagen zur Verfügung gestellt bekamen. In regelmäßigen Abständen erfolgte die Überprüfung neuro-physiologischer Parameter und des klinischen Verlaufs. Zusätzlich kamen Fragebögen zum Einsatz. Die Ergebnisse zeigen, dass der Einsatz von Kommunikationsanlagen (FM) im Unterricht auf Kinder mit AVWS einen positiven Einfluss hat im Vergleich zur vergleichbaren Kontrollgruppe. Neben einer Verbesserung der Leistungsergebnisse und einer Verringerung sekundärer Verhaltenssymptome ergab sich eine signifikante Verbesserung der auditiven Verarbeitungsfähigkeit. Objektivierbare gehirn-orientierte Messungen erwiesen sich als geeignet zur Erfassung zentraler Hörverarbeitungs-Störungen und zur Evaluation spezifischer Therapien, wie z.B. dem Einsatz von FM-Anlagen. Die erfolgreiche Betreuung erfordert ein hohes Maß an interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen spezialisierten Kinder- und Jugendmedizinern und Hörakustikern.

Nach einer Kaffeepause ging es weiter mit dem Vortrag von Birgit Ramin »Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und zukunftsorientierter, praxisnaher Hörsystemversorgung«. Es lassen sich ca. 750 verschiedene Hörsituationen beschreiben, die aber, wie verschiedene wissenschaftliche Studien belegen, in vier Basissituationen zusammengefasst werden können. Der AutoPilot in Savia analysiert und klassifiziert ständig die jeweilige Hörsituation und führt entsprechend eine automatische Adaption durch. Beim Musikhören ist es z.B. vorteilhaft, sämtliche Regelsysteme auszuschalten, da bestimmte Töne Störungen verursachen können. DataLogging speichert die Trage- und Hörgewohnheiten des Kunden und informiert darüber. Der Akustiker erhält so Informationen über die tatsächlichen Hörsituationen und hat damit eine Basis für eine individuelle Beratung und Feinanpassung Mit Real Ear Sound stellt Savia die natürliche Richtwirkung der Ohrmuschel bei HdO-Geräten in Echtzeit wieder her. Tests haben ergeben, dass mit Real Ear Sound die typischen Verwechslungen zwischen vorne und hinten nicht eintreten. Digital Surround Zoom ist ein adaptives Richtmikrofonsystem, das mit 20 Kanälen arbeitet. Es kann mehrere Störgeräuschquellen simultan unterdrücken und sich bewegende Störschallquellen in Echtzeit erfassen. Dabei wird die lauteste Schallquelle unterdrückt. Intelligente Hörsysteme verfügen also über vielfältige automatische und adaptive Funktionen und bewirken eine deutliche Verbesserung des Hörvermögens. Zusätzlich berücksichtigen sie individuelle Hörgewohnheiten und Hörumgebungen.

Als nächstes sprach Tobias Wolter aus Lübeck zu dem Thema »Amplitude Modulation Following Response (AMFR) bzw. Auditory Steady State Responses (ASSR) in Korrelation zur Luftleitungshörschwelle und Notched-Noise – BERA-Potential – Auswertung«. Dieser Vortrag entstand im Rahmen eines Praktikums und einer Diplomarbeit in Zusammenarbeit von Akademie, der Deutschen Hörgeräte Institut GmbH (DHI) und Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Lübeck. Bei nicht kooperativen Patienten, z.B. kleinen Kindern, erhält man Informationen zu Hörstörungen neben Anamnese, Ohrbefund und Verhaltens-Audiometrie aus objektiven Messungen wie Impedanzmessungen, otoakustischen Emissionen und akustisch evozierten Potenzialen. Nach einem kurzen Überblick über die verschiedenen Arten der messbaren Potenziale und deren Entstehung im Verlaufe der Hörbahn verglich Wolter zunächst die einzelnen Verfahren zur Messung der frühen Potenziale miteinander. Beim ASSR-Verfahren erfolgt die Stimulation mit modulierten Dauertönen. Die Antwort ist ein so genanntes Steady-State – Potenzial, dessen Frequenz der Modulationsfrequenz entspricht. Da die Prüffrequenz der Trägerfrequenz. entspricht, ist eine objektive frequenzspezifische Hörschwellen-Bestimmung möglich. Ein spezielles von Stürzebecher entwickeltes ASSR-Signal, bestehend aus mehreren Sinustönen, kam zum Einsatz. Untersucht wurde die Korrelation zwischen Luftleitungs- und ASSR-Schwelle und ein Vergleich zur Korrelation zwischen LL- und NN – BERA-Schwelle. Die Probanden waren 13 Personen verschiedenen Alters. 4 davon waren normalhörend, die anderen hatten Hörstörungen verschiedener Schweregrade. Eine Studie mit Kindern läuft zurzeit. Die Messungen ergaben, dass die Mittelwerte der Ton-Hörschwellen mit Click-, NN- und ASSR – BERA gut mit denjenigen des Tonaudiogramms übereinstimmen. Die Ergebnisse zeigen, dass die ASSR – BERA bei der Bestimmung der Hörschwelle mit der NN – BERA vergleichbar ist. Da immer noch Abweichungen auftreten, sollte man sich nicht auf nur ein Messverfahren verlassen. Weitere Untersuchungen zur Hörgeräteanpassung mit der ASSR –  BERA laufen zurzeit. So ist auch bei kleinen Kindern eine genauere Hörgeräte-Anpassung, basierend auf Frequenz spezifischen Hörschwellen-Daten, möglich.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen, das sich die Teilnehmer nach gehöriger geistiger Nahrung redlich verdient hatten, stand das Thema Werbung auf dem Programm. Dazu hielt Jens Schmidt den Vortrag »Was Werbung erfolgreich macht«. Zu einer wirksamen Werbung gehören eine sorgfältige Werbeplanung, ein Abweichen von der Norm und Kreative an der langen Leine zu lassen. In der Marktwirtschaft gilt der Satz »Wer nicht wirbt, der stirbt.« Die Werbeplanung beinhaltet eine Ist- und Soll-Analyse sowie eine Maßnahmenplanung und Überprüfung. Der Werbetreibende sollte seine Kundengruppe analysieren und Überlegungen dazu anstellen, ob er mit seinem Kundenstamm zufrieden ist oder neue Personengruppen ansprechen möchte. Weitere Überlegungen müssen die eigenen Fähigkeiten sowie die Fähigkeiten der Mitbewerber mit einbeziehen. Eigene Schwächen sollten als Motivation und eigene Stärken als Alleinstellungsmerkmale betrachtet werden. Ein wichtiges Werbeziel ist die Information der Zielgruppe über das Produkt und das Unternehmen. Anschließend muss eine grundlegende Werbestrategie mit Budget erstellt werden. Die Forderungen an jede Werbemaßnahme sind: Information, positive Abhebung von den Mitbewerbern und ein eigenständiges Ereignis zu werden. Für die Marketing-Kommunikation gilt inzwischen, dass nur derjenige die Menschen begeistern kann, der sich von der idealen Linie abhebt. Es gilt mehr Mut zum Risiko, zum Unüblichen zu haben. Für die Zusammenarbeit mit einer Werbeagentur ist es wichtig, ihr auf kreativem Gebiet freie Hand zu lassen, anspruchsvoll zu sein und ausführliche Informationen zu liefern. Dazu zählen unter anderem auch eine Beschreibung der Mitarbeiter und die Kommunikationsziele, die erreicht werden sollen. Das Ziel ist, dass der Kunde sagt: »Bitte mehr von Ihrer Werbung.«

Den nächsten Vortrag hielt Holger Imfeld zum Thema »Offen anpassen – ein neues Key-Feature von High-End – Hörsystemen«. Der Tragekomfort kann durch eine offene Anpassung deutlich erhöht werden, da sie z.B. eine vollständige Belüftung, weniger Feuchtigkeitsrisiko und ein geringeres Druckgefühl bietet. Speziell Mini-HdO´s haben einen dünnen, leichten Schallschlauch und ein minimales Gewicht. Die Auflagefläche hinter dem Ohr ist gering und das kleine Ohrpassstück praktisch nicht spürbar. Der Schall kann zusätzlich auf natürlichem Weg das Ohr erreichen. Diese Features sind besonders für Hochton-Schwerhörigkeiten und leichte bis mittelgradige Schwerhörigkeiten von Vorteil. Zusätzlich ist das Telefonieren problemlos möglich. Die negativen Effekte der Okklusion, die besonders bei der Eingewöhnung ein großes Problem darstellen, treten in den Hintergrund. Je verschlossener der Gehörgang ist, desto weiter entfernt sich die Übertragung des Hörsystems vom natürlichen Klang und desto höher ist der Anpassaufwand. Hier kann keine digitale Schaltung Abhilfe schaffen. Mit der offenen Anpassung stellt sich ein schneller Anpasserfolg und eine sofort erlebbare Hörverbesserung ein. Die Offenheit der Versorgung wird durch die Bohrungslänge und den Bohrungsdurchmesser bestimmt, d.h. je kürzer die Ventlänge und je größer der Bohrungsdurchmesser sind, desto offener ist die Anpassung. Die Signalverarbeitung muss aber auch auf die offene Versorgung abgestimmt werden. Sie sollte verzerrungsfrei funktionieren, und die Verarbeitungszeit darf nicht zu lang sein, am besten kleiner als 5 ms über alle Frequenzen, damit kein Echo hörbar ist. Zusätzlich ist eine wirksame Rückkopplungs- und Störgeräusch-Unterdrückung erforderlich. Mit Mini-HdO – Geräten und der offenen Anpassung sind auch jüngere Kunden für ein Hörsystem zu gewinnen.

Der Schnee war schuld daran, dass der Vortrag von Albrecht Hörning in Dresden leider ausgefallen ist. Er hat der Berichterstatterin aber seine Präsentation zukommen lassen und kann deshalb auch in diesem Bericht erwähnt werden. Das Thema war »Konsequent linear: BIONIC – ein neues Konzept zur Optimierung des nutzbaren Dynamikbereiches ohne Kompression«. Der Vortrag begann mit den Grundlagen, auf denen Bionic basiert. Zunächst wurde die Beziehung zwischen der Bandbreite eines Signals und der Dynamik erläutert. Bei einer Aufteilung des Signals auf 32 Kanäle mit einer Bandbreite von 250 Hz reduziert sich die Dynamik von ursprünglich 30 dB auf 10 dB. Signalanteile, die in den Resthörbereich passen, müssen nicht komprimiert werden. Der lineare Eingangsbereich bleibt linear. Bionic analysiert die prozentualen Pegelanteile eines Signals in einem Zeitfenster. 3 Regeln legen die Verstärkungs-Einstellung fest. Leise Signale werden so verarbeitet, dass mindestens 70 % über der Hörbarkeitsgrenze liegen. Nur 10% der Signale überschreiten die Komfortgrenze. Kein Signal überschreitet den maximalen Ausgang. ADRO™ (Adaptive Dynamic Range Optimization) führt eine adaptive Lautstärke-Regelung in 32 Kanälen durch. Der Eingangspegel wird mit der vorgegebenen Verstärkung in den Hörbereich verschoben. Zusätzlich sorgt die adaptive Verstärkung dafür, dass die BIONIC-Regeln eingehalten werden. BIONIC ist keine Kompression und arbeitet nur, wenn es nötig ist. BIONIC erhält die nutzbaren Sprachanteile so lange wie möglich und unterdrückt möglichst die Bereiche, in denen Störschall vorkommt. Bei der Anpassung kann mit einem Skalierungsverfahren auch ein Komfortlevel bestimmt werden.

Kornelia Dietrich folgte mit dem Vortrag »Künstliche Intelligenz und DataLogger in Hörsystemen: Ein hörbarer Erfolg für die Nutzer bei gleichzeitiger Datenkontrolle für den Akustiker«. In der Audiologie werden Messungen des Störlärms hauptsächlich im Labor durchgeführt und in Bezug auf die Sprachverständlichkeit analysiert. Für eine Hörgeräteanpassung ist es aber wichtig, reale Hörsituationen zu schaffen, z.B. durch Trageversuche. Für die Analyse der täglichen Umgebung eines Hörgeräteträgers stehen Lärm-Dosimeter zur Verfügung, die in den so genannten Rohweder-Becher eingebaut sind. PhD Stuart Gatehouse hat in einer ersten großen Studie die Probanden in ihrem normalen Tagesablauf beobachtet. Die Daten ergaben ein sehr individuelles Bild mit starken Pegelschwankungen über den Tag verteilt. Es zeigte sich, dass es keine typischen Hörsituationen gibt und damit eine Anpassung basierend auf Vorhersagen falsch sein muss. Auf der Basis der DataLogger-Ergebnisse wurden Anpassstrategien entwickelt. Die Umsetzung in Verarbeitungs-Strategien erfordert die künstliche Intelligenz, die gezielt Störlärm ausblendet, bei offenen Anpassungen Rückkopplungen unterdrückt und ein neuartiges Richtmikrofonsystem steuert. Zur Überprüfung der Fähigkeiten der künstlichen Intelligenz kamen Lärm-Dosimeter zum Einsatz, die um einen Synchro-Chip erweitert wurden. Das Gerät verfügt über 4 Mikrofone und bietet die Möglichkeit, verschiedene Anpassstrategien zu vergleichen. Die Probanden wurden gebeten, das Gerät einen Tag lang zu tragen, Als Ergebnis lieferte der DataLogger Alters- und situationsabhängige Verteilungen verschiedener akustischer Signale. Basierend auf diesen Daten wurden für Synchro verschiedene Profile, d.h. neue erweiterte Algorithmen entwickelt. Zusätzlich lieferte der DataLogger umfangreiche Informationen über die Nutzung der verschiedenen Mikrofonmodi und Programme. Es zeigte sich, dass der DataLogger ein sinnvolles Werkzeug zur Optimierung einer Hörgeräte-Anpassung darstellt.

Den Abschluss der Landestagung bot der Vortrag von Markus Nissen zu dem Thema »Die Weiterbildung zum Pädakustiker – Informationen, Hintergründe, Entwicklungen«. Ein Pädakustiker muss besondere persönliche Qualifikationen aufweisen, wie z.B. Liebe zum Kind, Geduld und die Fähigkeit zum Umgang mit den Eltern. Zusätzlich bestehen Anforderungen an die fachliche Kompetenz und die Ausstattung und Messtechnik des Anpassraums. Die Qualifikation zum Pädakustiker gliedert sich in vier verschiedene Module, welche die Pädaudiologie, Hörgeräte-Anpassung, praktische Übungen sowie eine Hospitation umfassen, um den Umgang mit Kindern zu lernen. Am Ende der Blöcke 1 und 2 steht eine schriftliche Prüfung. In Modul 3 sind Berichte und Messprotokolle der praktischen Arbeiten vorgesehen und in Modul 4 muss ein Berichtsheft geführt werden. Zusätzlich ist der Besuch regelmäßiger Fortbildungen vorgeschrieben. Eine Ausstattungsrichtlinie regelt unter anderem die Einrichtung des Anpassraums, die Größe, den Störschallpegel sowie die technischen Anforderungen an das Audiometer. Dazu verwies Nissen auf die Bureau International d’Audiophonologie (BIAP)-Empfehlungen. Im Rahmen der interdisziplinären Zusammenarbeit erstellten die Arbeitsgruppe Pädaudiologie der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren – Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e.V. (ADANO), der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e.V. (DGA) und die Bundesinnung der Hörakustiker KdöR (biha) ein gemeinsames Positionspapier. Die Weiterbildungs-Ordnung wurde inzwischen von der ADANO, der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie e.V. (DGPP) und im Rahmen einer Zusatzvereinbarung mit den Krankenkassen angenommen. Der Pädakustik-Kurs erfüllt auch die Richtlinien der Akademie für Hörgeräteakustik, Audio-Kommunikation und auditive Informatik (AHAKI) und ist zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz abgestimmt. Angestrebt wird eine europaweite Harmonisierung.

Die beiden Tage in Dresden haben den Teilnehmern wieder viele interessante Informationen und nützliche Tipps für die tägliche Arbeit mit den Schwerhörigen gebracht.

Autorin: Ulrike Seifert-Kraft